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Studium
2. Juli 2026

Wissenschaftlich schreiben: Stilregeln und Tabus

Wissenschaftlicher Schreibstil ohne Schwurbeln: Anforderungen und Tabus der Wissenschaftssprache, konkrete Formulierungsregeln und die Ich-Frage – klar erklärt.

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„Müssen wissenschaftliche Texte eigentlich immer möglichst schwer verständlich sein?" – diese Frage stellt ein Schreibkurs der Uni Siegen seinen Teilnehmern. Die Antwort der Schreibforschung ist eindeutig: nein, im Gegenteil. Ein Weiterbildungsangebot der Uni Duisburg-Essen formuliert es deutlich: „Mangelhafte Strukturierung, halsbrecherische Formulierungen und unklare Argumentationswege führen zu wenig leserfreundlichen Texten." Wissenschaftlicher Stil heißt nicht kompliziert – er heißt präzise, belegt und nachvollziehbar. Die wichtigsten Regeln aus den „ABC-Sprachnormen der Wissenschaft", wie eine Kasseler Schreibwerkstatt sie nennt, im Überblick.

Was Wissenschaftssprache leisten muss

  • Präzision: Fachbegriffe werden definiert und dann konsequent gleich verwendet. Synonyme-Variation („der Konzern", „das Unternehmen", „die Firma") stiftet in wissenschaftlichen Texten Verwirrung statt Abwechslung.
  • Nachprüfbarkeit: Jede Behauptung ist belegt oder wird argumentativ hergeleitet – siehe Richtig zitieren.
  • Distanz: Wertungen werden begründet, nicht behauptet. Statt „erstaunlich gut" → „besser als in der Literatur berichtet (vgl. …)".
  • Adressatenorientierung: Geschrieben wird für eine fachkundige Leserin, die Ihre Gedanken nicht erraten kann. Der Text muss ohne Ihr mündliches Kommentar funktionieren.

Die häufigsten Stil-Tabus

TabuStatt dessen
Umgangssprache („echt wichtig", „irgendwie")Neutrale, präzise Formulierung
Pauschalisierungen („schon immer", „alle wissen")Belegte, eingegrenzte Aussagen
Leerfloskeln („Es ist interessant zu bemerken, dass …")Direkt zur Aussage kommen
Übertriebener Nominalstil („Die Durchführung der Untersuchung der Wirkung …")Verben nutzen: „Untersucht wurde, wie …"
Schachtelsätze über vier ZeilenEin Gedanke pro Satz; Hauptaussage in den Hauptsatz

Die Ich-Frage: Darf ich „ich" schreiben?

Die ehrliche Antwort aus den Seminaren: Es kommt auf das Fach an. In vielen Geistes- und Sozialwissenschaften ist ein funktionales „ich" heute akzeptiert, wenn es Entscheidungen des Verfassers markiert („Ich beschränke mich auf …"). In den Natur- und Ingenieurwissenschaften dominiert das Passiv. Erkundigen Sie sich am Lehrstuhl – und vermeiden Sie in jedem Fall das „Bauch-Ich" („Ich finde, dass …"): Meinungen ersetzen keine Argumente.

Stil entsteht beim Überarbeiten, nicht beim Schreiben

Der vielleicht wichtigste Befund aus den Schreibwerkstätten: Guter Stil wird nicht in die Rohfassung hineingeschrieben, sondern hineinüberarbeitet. Die Kasseler Workshops trennen ausdrücklich die Trainingseinheit „Wie formulieren Sie adressatengerecht?" vom eigentlichen Schreiben – erst kommt der Inhalt aufs Papier, dann wird sprachlich geglättet. Praktische Übung aus den Kursen: Lesen Sie Ihren Text laut. Überall, wo Sie stolpern oder Luft holen müssen, stolpert auch Ihre Leserin. Mehr dazu im Artikel Rohfassung schreiben und Texte überarbeiten.

Hilfreiche Klassiker aus den Literaturlisten der Seminare: Helga Esselborn-Krumbiegel, Von der Idee zum Text, sowie Bünting/Bitterlich/Pospiech, Schreiben im Studium. Ein Trainingsprogramm.

Zusammenfassung und Lerntipp

Auf den Punkt: Wissenschaftlicher Stil bedeutet präzise, belegt und leserfreundlich – nicht kompliziert. Fachbegriffe konsistent verwenden, Floskeln und Pauschalisierungen streichen, Hauptaussagen in Hauptsätze packen, und den Stil in einem eigenen Überarbeitungsdurchgang glätten statt beim Schreiben perfektionieren.

Lerntipp: Legen Sie sich eine persönliche „Stolperliste" mit Ihren typischen Stil- und Rechtschreibfehlern an und prüfen Sie jede Arbeit in einem eigenen Durchgang nur dagegen – das trainiert den Blick dauerhaft. Eine gute Ergänzung dazu im Blog: Die 100 schwierigsten deutschen Wörter (Rechtschreibung).