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14. März 2017Adel und Kirche in der Frühen Neuzeit launische Esel bigotte Lumpen und hochmütige Dummköpfe
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand in der Frühen Neuzeit aus einer verwirrenden Vielzahl ganz unterschiedlich verfaßter Staatswesen. Unter ihnen sind die geistlichen Staaten besonders auffällig, weil die Geistlichen an ihrer Spitze auch die gesamte weltliche Macht in Händen...
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Jetzt Lernplan erstellenDas Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand in der Frühen Neuzeit aus einer verwirrenden Vielzahl ganz unterschiedlich verfaßter Staatswesen. Unter ihnen sind die geistlichen Staaten besonders auffällig, weil die Geistlichen an ihrer Spitze auch die gesamte weltliche Macht in Händen hielten. Wo nach der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Neuzeit die geistlichen Staaten bestehen blieben, wirkte an deren Regierung und Verwaltung die geistliche Korporation der Domkapitel mit. Zugang zu den Domkapiteln erhielten in der Frühen Neuzeit aber nur katholische Geistliche, die ehelich geboren und von adliger Abstammung waren und die diese Voraussetzungen in einer sogenannten »Ahnenprobe« nachweisen konnten. Daher haben die frühneuzeitlichen Domkapitel nicht eben den besten Ruf und gelten als bloße Versorgungsanstalten für die nachgeborenen Söhne des katholischen Adels, die nicht selten in mehreren Domkapiteln gleichzeitig bepfründet waren und aus Kirchengut versorgt wurden, um das adlige Familienvermögen zu schonen. Die Bevorzugung des Adels in der Kirche stieß schon früh auf Kritik. Selbst in den eigenen Reihen der Domkapitel kritisierten hellsichtigere Domherren ihre »zumeist stupiden Chorbrüder« und sahen sich »ständig umringt von unwissenden Prahlern, hochmütigen Dummköpfen, inkonsequenten Sturköpfen, launischen Eseln und bigotten Lumpen« (Joseph Anton Sigismund von Beroldingen, 1738–1816). Ob und inwiefern diese Kritik berechtigt ist, soll in dem Hauptseminar an ausgewählten Beispielen des 17. und 18. Jahrhunderts erörtert werden. Im Mittelpunkt des Interesses wird dabei das Aufnahmeverfahren stehen, das die adligen Sprößlinge zu durchlaufen hatten, um in die frühneuzeitlichen Domkapitel aufgenommen zu werden. Denn dieses Aufnahmeverfahren, das man auch als »Aufschwörung« bezeichnet, bietet aufschlußreiche Einblicke in das Selbstverständnis des katholischen Adels der Frühen Neuzeit und hat darüber hinaus zu der ebenso eigenartigen wie für geschlossene Gesellschaften typischen Quellengattung der Wappen- oder Aufschwörbücher geführt. Im Rahmen des Hauptseminars sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die konkrete Arbeit mit frühneuzeitlichem Archivgut und dessen Erschließung bzw. Edition eingeführt werden und insbesondere einen genaueren Einblick in die – sonst im universitären Lehrbetrieb stark vernachlässigte – Historische Hilfswissenschaft der Wappenkunde (Heraldik) erhalten.
Peter Hersche: Die deutschen Domkapitel im 17. und 18. Jahrhundert, 3 Bde., Bern 1984. – Stephan Kremer: Herkunft und Werdegang geistlicher Führungsschichten in den Reichsbistümern zwischen Westfälischem Frieden und Säkularisation (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. Supplementheft 47), Freiburg u. a. 1992. – Klaus Graf: »Ahnenprobe«, in: Enzyklopädie der Neuzeit 1 (2005), Sp. 146–148. – Harald Drös: »Wappenbücher«, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Hof und Schrift, hrsg. von Werner Paravicini (Residenzenforschung 15/3), Sigmaringen 2007, S. 675–682. – Jörn Eckert: »Ahnenprobe«, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 1 (2. Aufl. 2008), Sp. 106f. – Kirche und Adel in Norddeutschland, hrsg. von Peter Marmein und Thomas Scharf-Wrede, Regensburg 2011.
Historisches Seminar
Von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden die regelmäßige Mitarbeit und die Vorbereitung von Sitzung zu Sitzung einschließlich kleinerer Hausaufgaben erwartet. Die Studienleistung wird aufgrund eines mündlichen Referats bescheinigt. Für die Bescheinigung der Prüfungsleistung ist die schriftliche Ausarbeitung des mündlichen Referates zur Hausarbeit erforderlich. Studierende des Studiengangs IKHS, die das Seminar im Rahmen des Integrierten Moduls IM 3 belegen, sind zusätzlich zur Arbeit mit Archivmaterial verpflichtet.
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