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Uni-Hannover
14. März 2017

Ansätze diskursiver Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raum

Während der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts hat sich -Diskurs- zu einem Schlüsselkonzept in einer Vielzahl von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften entwickelt. Im Rahmen diskurstheoretischer und - analytischer Ansätze rückt die diskursive Konstruktion sozialer Wirklichkeit und (wissenschaftlicher) Kategorien in den...

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Während der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts hat sich -Diskurs- zu einem Schlüsselkonzept in einer Vielzahl von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften entwickelt. Im Rahmen diskurstheoretischer und - analytischer Ansätze rückt die diskursive Konstruktion sozialer Wirklichkeit und (wissenschaftlicher) Kategorien in den Fokus der Aufmerksamkeit. Nicht die Erschließung eines -tieferen- Sinns und der Bedeutung eines Phänomens werden angestrebt, sondern die Auseinandersetzung mit der Konstituierung des Gegenstandes und den damit verbundenen Auswirkungen. In der Religionswissenschaft kommt es seit den 1990er Jahren vor allem im englischsprachigen Raum zu einer breiteren Diskussion diskursiver Ansätze. Im deutschsprachigen Kontext lässt sich vor allem in jüngster Zeit eine intensivere Auseinandersetzung ausmachen, auch wenn Hans Kippenberg mit seinem 1983 veröffentlichten programmatischen Artikel -Diskursive Religionswissenschaft- erste Überlegungen anstellte. Aktuelle Publikationen, wie die von Adrian Hermann (2015) oder Frank Neubert (2016), illustrieren diese neue Aufmerksamkeit. Mit einer diskursiven Religionswissenschaft werden zum einen bestimmte Hoffnungen verbunden. Sie wird beispielsweise als Ausweg aus problematischen Essentialisierungen und Naturalisierungen religionswissenschaftlicher Forschungsgegenstände verstanden. Gleichzeitig werden massive Einwände vorgebracht und Befürchtungen artikuliert, die Integrität und Zukunft des Faches sei durch solche Ansätze gefährdet. So spricht beispielsweise der Leipziger Religionswissenschaftler Christoph Kleine in seiner Einschätzung diskursiver Ansätze von gefährlichen -Irrläufern-. Die Diskussionen lassen eine weitgehende Unkenntnis diskursiver / diskurstheoretischer Ansätze und teilweise Unwilligkeit zu einer ernsthaften Auseinandersetzung erkennen. Die Veranstaltung setzt an diesem Punkt an. Ziel ist es, unterschiedliche Ansätze diskursiver Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raum vorzustellen, sie zu diskutieren und auf ihre Potentiale für die konkrete religionswissenschaftliche Arbeit und die Zukunft der Disziplin kritisch zu befragen. Dabei wird der Blick sowohl auf theoretische und methodologische Aspekte und Diskussionen gerichtet, als auch auf konkrete diskurstheoretisch bzw. - analytisch orientierte Arbeiten. Vortragstermine und ReferentInnen 07.11.2016 Prof. Dr. Kocku von Stuckrad (Groningen): -Alles Konstruktion? Diskursive Religionswissenschaft und die Macht der Dinge- Abstract: Als erster Vortrag der Ringvorlesung bietet der Beitrag einen kurzen Überblick zur diskursiven Religionswissenschaft, um sich dann auf einige zentrale Fragen der Diskursforschung zu konzentrieren, die immer wieder Gegenstand von Diskussionen sind. Gibt es -Diskurse- wirklich, oder sind sie nur das Produkt sozialwissenschaftlicher Konstruktion? Wie repräsentativ sind Diskurse für gesellschaftliche Prozesse? Was bedeutet es, Diskurse als Kommunikation und Handlung zu verstehen, und wie verhält sich dies zur sprachlichen Dimension von Diskursen? Warum verzichtet die diskursive Religionswissenschaft auf eine Definition von Religion? Ist das nicht bloß ein Trick, um sich der Verpflichtung zur wissenschaftlichen Klarheit zu entziehen? Und schließlich: Bedeutet Konstruktion nicht Beliebigkeit? Die letzte Frage leitet über zu einer Diskussion der Grenzen von Konstruktion und der faktischen Abhängigkeit unseres Wissens von sozialen und materiellen Bedingungen. Der Vortrag geht dabei vor allem auf Herausforderungen ein, die konstruktivistischen Theorien aus dem neuen Forschungsfeld erwachsen, das unter dem Begriff new materialism zunehmend Aufmerksamkeit findet. 21.11.2016 Dr. Lorenz Trein (LMU München): Diskursgeschichte in der Religionswissenschaft: Grundbegriffe, Zeitverständnis und multiple Gegenwart Abstract: Diskurstheoretische Ansätze in der Religionswissenschaft weisen unterschiedliche Geschichtsbezüge auf. Überblickshalber lassen sich einige Begriffe und Problemhorizonte diskutieren, die für diskursgeschichtliche Perspektiven in der Religionswissenschaft aufschlussreich sind: Neben dem Diskursbegriff selbst die religionsbegriffliche Dimension solcher Ansätze, dann aber auch das Problem diskursiven Wandels, das auf historiographische Dimensionen von Zeit in der Religionswissenschaft verweist. 05.12.2016 Prof. Dr. phil. Stephanie Gripentrog (Greifswald): Anormalitätsdiskurse in religionswissenschaftlicher Perspektive Abstract: 'Anormalität' ist auf unterschiedlichen Ebenen eine überaus interessante Kategorie für die Religionswissenschaft: Sei es als Gegenstand - etwa religionsgeschichtlich ausgerichteter - Forschung, sei es als eine Kategorie, die neues Licht auf religionstheoretische Debatten zu werfen vermag. Spätestens seit Foucault ist sie zudem zentrales Thema auch diskursanalytischer Auseinandersetzungen mit der Frage nach einer Genealogie des Wahnsinns. Ziel des Vortrags ist daher ein Streifzug durch die genannten Fragestellungen und die Diskussion der Frage, welches Potential die Diskursanalyse für religionswissenschaftliches Arbeiten bietet. 19.12.2016 Prof. Dr. Adrian Hermann (Hamburg): Globale Religionsgeschichte zwischen Diskurstheorie und Religionstheorie Abstract: Im Rahmen einer diskurstheoretischen Perspektive auf Religion ist oft von einem globalen Religionsdiskurs die Rede, während andererseits die Kontroverse um die Identifikation außereuropäischer Äquivalente des Religionsbegriffs andauert. Wie kann ‚Religion‘ aber theoretisch kohärent als globaler Diskurs beschrieben werden? Der Vortrag diskutiert die Idee, die diskursive Religionswissenschaft als historische Genealogie der Entstehung und Etablierung hypothetischer Äquivalenzen zwischen Sprachen und Kulturen zu verstehen. Vor diesem Hintergrund schlage ich vor, die Einheit dieses Diskurses in den -Unterscheidungen der Religion- zu sehen. Aber welche Rolle bleibt vor einem solchen diskurstheoretischen Hintergrund noch für die Religionstheorie? 16.01.2017 Christian Funke M.A. (Hannover): Die Religionisierung der Religion und die Dingifizierung des Glaubens: Religionsästhetik, Diskurs und Islam Abstract:Religionsästhetische Ansätze fragen in der Regel danach, wie Religion sich auf materialer Ebene ereignet oder aber auch nach der Beziehung zwischen Religion und Dingen, wie etwa Bildern. Der Vortrag nimmt sich der Fragestellung an, wie sich die Religionsästhetik trotz aller Kritik an protestantischen und glaubensbasierten Religionskonzepten dabei selbst neo-essentialistische und krypto-phänomelogische Ansätze bildet und ihre selbstgesteckten Ziele verfehlt. Es wird dargelegt, wie eine diskursives Religionskonzept die bisherigen Ansätze der Religionsästhetik modifizieren kann. Ort und Zeit : Montags 12-14h, Raum A401, Appelstraße 11a Religion im kulturellen Kontext, Master of Arts Die Veranstaltung weist zweiteiliges Format auf. Es handelt sich zum einen um eine wissenschaftliche Gastvortragsreihe für ein breiteres, öffentliches Publikum mit im Themenfeld ausgewiesenen Referent(inn)en. Die Vorträge sind integriert in eine vertiefende Seminarveranstaltung, in der die Thematik allgemein und die Beiträge im Besonderen diskutiert, vor- und nachbereitet werden. Die Seminarsitzungen sind ausschließlich für Studierende geöffnet. Für die erfolgreiche Teilnahme ist eine kontinuierliche Anwesenheit Voraussetzung. Modulzuordnung: VT2; VT4 KIIM3 Universität Hannover WiSe 2016/17 Rel. Wiss. / WuN, Bachelor (fachübergr.) Dr. phil. Führding Steffen phil