Uni-Düsseldorf
14. März 2017Aufbauseminar AS Offenheit und Unabgeschlossenheit in der Musik
»Offenheit« und »Unabgeschlossenheit« sind für jeden Menschen gleichermaßen verheißungsvolle wie angstbesetzte Qualitäten. Dies wird deutlich, wenn dem Streben nach individueller Freiheit, damit nach den Verheißungen des Möglichen, aber Ungewissen, die Sehnsucht nach dem Gewissen, Letztgültigen in Form individueller, ebenso religiöser...
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Jetzt Lernplan erstellen»Offenheit« und »Unabgeschlossenheit« sind für jeden Menschen gleichermaßen verheißungsvolle wie angstbesetzte Qualitäten. Dies wird deutlich, wenn dem Streben nach individueller Freiheit, damit nach den Verheißungen des Möglichen, aber Ungewissen, die Sehnsucht nach dem Gewissen, Letztgültigen in Form individueller, ebenso religiöser und historizistischer Zukunftssicherheit beigestellt wird. Die Annahme von Offenheit (sowohl als Wissen um ihr Vorhandensein als auch als Begrüßen der in ihr gegebenen Chancen) birgt zugleich die Voraussetzung zur Selbstbestimmung und die Herausforderung, für eigene Entscheidungen einstehen zu müssen.
Zusammen mit der bildenden Kunst und der Literatur hat sich die Musik den zentralen Fragen des Menschseins gewidmet – vor allem den großen Themen Liebe und Tod, denen die Aspekte Dauerhaftigkeit und Endlichkeit, ebenso Sicherheit und Unsicherheit und die Frage nach dem, was kommen wird (und nach unserem Einfluss darauf) eingeschrieben sind. Seit Platon gibt es eine Kontroverse darum, wie die Zukunft in persönlicher, in politischer und historischer Hinsicht als determiniert oder als offen anzusehen ist. Die Aufklärung installierte im westlichen Kulturkreis schließlich das bestimmende Bild des selbstverantwortlichen und insofern freien Menschen: Der Modus der Wahl tritt an die Stelle der Bestimmung.
Das Seminar soll musikalische Formen zeitgeschichtlich hinsichtlich ihres möglichen geistesgeschichtlichen Verankertseins unter dem Kriterium Offenheit/Unabgeschlossenheit einordnen: Inwieweit unterstreicht etwa ein barockes Sichfortzeugen der Musik innerhalb eines einheitlichen Affekts einen Aspekt der Determiniertheit, während die klassische Sonatenhauptsatzform den dialektischen Zugang von ‚These, Antithese, Synthese’ und damit eher das im Sinne Kants vernunftgesteuerte und ergebnisoffene Prinzip des besseren Arguments abbildet? Wie verhält sich demgegenüber aber die wesentlich spätere Serialität zum Thema Offenheit, wie die Aleatorik oder gar Beispiele einer Mischung aus beiden (z.B. Boulez: 3. Klaviersonate)? Unterliegt der Komponist einem »objektiven Zwang, den die Natur oder die Geschichte der Musik ausübt« oder gilt die »von Krenek proklamierte ›Freiheit der Axiomsetzung‹« (Dahlhaus)?
Ziel des Seminars ist es, ältere und neuere philosophische Quellen zum Thema Determiniertheit versus Offenheit und Unabgeschlossenheit heranzuziehen, um auf dieser Grundierung spezifische musikalische Formen auf ihr Verhältnis zu Offenheit und Unabgeschlossenheit hin zu untersuchen und einordnen zu können.
Auswahlliteratur: P. Gülke: Introduktion als Widerspruch im System. Zur Dialektik von Thema und Prozessualität bei Beethoven, in: Deutsches Jahrbuch für Musikwissenschaft 14 (1969), S. 5–40; Z. Lissa: Die Prozessualität der Musik, in: Dies.: Aufsätze zur Musikästhetik: Eine Auswahl, Berlin 1969; C. Dahlhaus: Abkehr vom Materialdenken?, in: Gr. Hommel u.a. (Hrsg.): Algorithmus, Klang, Natur: Abkehr vom Materialdenken?. Die 31. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt (Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 19), Mainz 1984, S. 45–55; L. Finscher: Corelli, Haydn und die klassischen Gattungen der Kammermusik, in: H. Danuser (Hrsg.): Gattungen der Musik und ihre Klassiker (Publikationen der Hochschule für Musik und Theater Hannover 1), Laaber 1988. S. 185–195, M. Suplicki: György Ligeti, Atmosphères: Eine unkausale Form?, in: Musiktheorie, 10 (1995) 3, S. 235–47; M. Böggemann: Vorwärts um jeden Preis: Schönbergs Abschied von der Ungebundenheit, in: U. Kolleritsch (Hrsg.): Abschied in die Gegenwart: Teleologie und Zuständlichkeit in der Musik (Studien zur Wertungsforschung 35), Wien 1998, S. 165-179; R. Klein: Prozessualität und Zuständlichkeit: Konstruktionen musikalischer Zeiterfahrung, in: U. Kolleritsch (Hrsg.): Abschied in die Gegenwart: Teleologie und Zuständlichkeit in der Musik (Studien zur Wertungsforschung 35), Wien 1998, S. 180–210; P. Gülke: Introduktion als Widerspruch im System: Zur Dialektik von Thema und Prozessualität, in: Ders.: '...immer das Ganze vor Augen': Studien zu Beethoven, Stuttgart 2000; S. 67–103; R. Klein u.a. (Hrsg.): Musik in der Zeit. Zeit in der Musik, Weilerswist 2000; H.-Fr. Bormann: Verschwiegene Stille: John Cages performative Ästhetik, Paderborn 2005; V. Helbing: Zyklizität und Drama(turgie) in Scelsis viertem Streichquartett, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie, 7 (2010) 3, S. 267–309; Chr. Kammertöns: Offenheit und Unabgeschlossenheit des Handelns bei Jean-Luc Nancy und Karl Popper, in: Critica. Zeitschrift für Philosophie und Kunsttheorie (2015) 1, S. 13–22 (http://issuu.com/critica-zpk/docs/critica_issue_i_2015_01a65a1d661c95, dort weitere, nicht musikbezogene Literaturangaben)
Bemerkung
AS/Gattungen, AS/Kontexte
Die Belegung und Anmeldung ALLER Veranstaltungen erfolgt jetzt über das HIS der Robert Schumann Hochschule. Dies gilt auch für die musiktheoretischen Veranstaltungen!
Sie können jedoch weiterhin wie gewohnt die Veranstaltungen hier einsehen.
Anmeldefrist für Vertiefungs- und Masterseminare: 10.03. - 22.03.2016
Anmeldefrist für Basis- und Aufbauseminare, Repertoirekunden sowie Übungen: 28.03. - 10.04.2016
Voraussetzungen
Leistungsnachweis
Beteiligungsnachweis (BN): Aktive Teilnahme, Bereitschaft zur Übernahme von Kurzreferaten
Abschlussprüfung (AP): Studienarbeit (Referat mit schriftlicher Ausarbeitung, Umfang ca. 15 Seiten) bzw. Hausarbeit (Umfang ca. 20 Seiten) oder Klausur
Anmeldefrist AP: 07.06.2016
Themenausgabe Hausarbeit: 14.07.2016
Abgabetermine Studien-/Hausarbeit: 14.10.2016
Klausurtermin: 07.07.2016
Musikwissenschaft (BA, PO 2011) Ergänzungsfach
Beteiligungsnachweis (BN): Aktive Teilnahme, Bereitschaft zur Übernahme von Kurzreferaten
Abschlussprüfung (AP): Studienarbeit (Referat mit schriftlicher Ausarbeitung, Umfang ca. 15 Seiten) bzw. Hausarbeit (Umfang ca. 20 Seiten) oder Klausur
Anmeldefrist AP: 07.06.2016
Themenausgabe Hausarbeit: 14.07.2016
Abgabetermine Studien-/Hausarbeit: 14.10.2016
Klausurtermin: 07.07.2016
Universität Düsseldorf
SoSe 2016
Dr.
Kammertöns Christoph