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14. März 2017Auslegung Evangelium Jesu Mahlgemeinschaften
Jesu Mahlpraxis wurde von seinen Zeitgenossen offenbar als eine Besonderheit seines Wirkens erlebt. Das zeigt nicht nur die zentrale Rolle des letzten Abendmahls Jesu in den Passionsberichten und die Tatsache, dass sich der christliche Gottesdienst nach Ostern im Kontext der...
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Jetzt Lernplan erstellenJesu Mahlpraxis wurde von seinen Zeitgenossen offenbar als eine Besonderheit seines Wirkens erlebt. Das zeigt nicht nur die zentrale Rolle des letzten Abendmahls Jesu in den Passionsberichten und die Tatsache, dass sich der christliche Gottesdienst nach Ostern im Kontext der Mahlfeiern entwickelte. Das zeigt sich vor allem auch daran, dass in frühchristlichen Schriften noch die Schmährede der Gegner Jesu überliefert ist: -Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer- (Mt 11,19 = Lk 7,34). Wie seine -Machttaten-, seine Worte und seine prophetischen Zeichenhandlungen erregte auch die Auswahl seiner Tischgenossen Anstoß. Jesus war zwar auch bei Pharisäern zu Gast, aber eben nicht nur: -Er isst mit Zöllnern und Sündern- (Mk 2,16), -Er nimmt Sünder an und isst mit ihnen- (Lk 15,2), so lautet der Vorwurf. Die Frage, wo und bei wem Jesus zu Gast war, führt demnach ins Zentrum seines Wirkens – aber auch in die uns fremde Welt antik-mediterraner Symposialkultur und der Regeln der Gastfreundschaft.
In der Vorlesung wird das Thema der Tischgemeinschaften Jesu in den vier Evangelien umfassend behandelt. Einen Schwerpunkt bilden dabei natürlich die vier Erzählungen von Jesu letztem Abendmahl am Vorabend seines Todes, aber auch die ebenfalls im Passionskontext stehende Mahlszene mit der Salbung Jesu zu Bethanien (Mk 14,3-9 / Joh 12,1-8) sowie die österlichen Mahlzeiten nach Lukas und Johannes. Behandelt werden aber auch die vorösterlichen Mahlszenen: die sog. Sündermähler Jesu, außerdem Wundergeschichten wie die in allen Evangelien überlieferten -wunderbaren Brotvermehrungen- und die Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium (Joh 2,1-11). Hinzu kommen aus der Wortüberlieferung die Gastmahlgleichnisse (Mt 22,1-14/Lk 14,16-24), ferner die Streitgespräche um Tischsitten und die Reinheit von Speisen (Mk 7,1-23 par). Um Jesu Mahlverhalten in seiner theologischen wie sozialen Akzentsetzung zu verstehen, wird außerdem der alttestamentlich-jüdische Hintergrund, insbesondere aber das zeitgenössisch-kulturelle Umfeld dargestellt: das gemeinsame Mahl war in der griechisch-römischen Antike zentraler Ausdruck gesellschaftlichen Lebens, Gastfreundschaft ein antik-mediterraner Grundwert.
Die Vorlesung unternimmt damit den Versuch, mit Hilfe der Mahlthematik einen umfassenden Zugang zu Person und Werk Jesu von Nazareth zu eröffnen.
(Auswahl)
Blomberg, C.L., Contagious Holiness. Jesus' Meals with Sinners, Downers Grove, Ill., 2005.
Bolyki, J., Jesu Tischgemeinschaften (WUNT 2/96), Tübingen 1998.
Corley, K., Private Women, Public Meals. Social Conflict in the Synoptic Tradition, Peabody, Mass., 1993.
Ebner, M. (Hg.), Herrenmahl und Gruppenidentität (QD 221); Freiburg etc. 2007.
Hofius, O., Jesu Tischgemeinschaft mit den Sündern, in: ders., Neutestamentliche Studien (WUNT 132), Tübingen 2000, 19-37.
Grappe, C. (Hg.), Le repas de Dieu = Das Mahl Gottes (WUNT 169), Tübingen 2004.
King, F.J., More than a Passover. Inculturation in the Supper Narratives of the New Testament, Frankfurt etc. 2007.
Leonhard, C., Art. Mahl V (Kultmahl), in: RAC 23 (2009) 1012-1105.
Schenke, L, Die wunderbare Brotvermehrung. Die neutestamentlichen Erzählungen und ihre Bedeutung, Würzburg 1983.
Schröter, J., Das Abendmahl. Frühchristliche Deutungen und Impulse für die Gegenwart (SBS 210), Stuttgart 2006.
Katholische Theologie - Biblische Theologie
Universität Siegen
WiSe 2011/12
Univ.-Prof. Dr.
Weidemann Hans Ulrich