Uni-Kassel
17. Juli 2017Blockseminar mit Vorbereitungssitzung en Synthese aus Kant und Clown Mynona
Salomo Friedländer/Mynona (1871 - 1946) gilt als eine der im Expressionismus häufig beobachteten Doppelexistenzen. Als Salomo Friedländer, Anhänger Kants und Ernst Marcus, befürwortet er Goethes Farbenlehre und wendet sich gegen Einsteins Relativitätstheorie. Als Mynona verfasst er groteske Prosa und erotisch-pikante...
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Jetzt Lernplan erstellenSalomo Friedländer/Mynona (1871 - 1946) gilt als eine der im
Expressionismus häufig beobachteten
Doppelexistenzen. Als Salomo Friedländer, Anhänger Kants und Ernst Marcus,
befürwortet er Goethes Farbenlehre und wendet sich gegen Einsteins
Relativitätstheorie. Als Mynona verfasst er groteske Prosa und erotisch-pikante
Sonette sowie zahlreiche Essays und Artikel.
In seiner Selbstkarikatur heißt es: -Was ich bin? Schriftsteller,
so`n Gedankenstrichjunge… ja, meine Schreibmaschine stottert heute vor Wehmut:
Meine Bücher, wissen Sie, sind allerlei rote Tücher, und man hat sie aus
Rücksicht auf Ochsen ad acta gelegt. Sie flatterten, Fahnen, der Wahrheit eine
Gasse (leider keine Kasse). Auch ich bin ein Mensch, das heißt einer der
namenlosen Napoleons auf obskuren St. Helenas (das Leben ist ein fesche
Folterkammer). – Eigentlich bin ich nur aus Zerstreutheit kein Zwilling
geworden; die allermeisten laufen als Halblinge herum.-
In seinem zentralsten Text -Schöpferische Indifferenz-, entwickelt
er den Satz von der polaren Identität: -Alle Identität, wessen auch immer, ist
polar, und Alles ebbt und flutet im Widerstreit seiner selbst.- Er wird damit
neben Nietzsche zu einem der wichtigsten Impulsgeber für die künstlerische
Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Walther Huder resümiert: -Friedländer,
dieser philosophische Pagenkopf Kantisch-Hegelscher Provenienz vor allem des
Berlins der Zwanziger Jahre,
erotogener Magier ohne den kategorischen
Imperativ des direkten Zugriffs, wie von einschlägigen Zeugen berichtet
wird, Platoniker aus sarkastischer Geistesverliebtheit, war nicht nur
Philosoph, sondern auch Schriftsteller, ein echter Literat. Er nutzte
gewissermaßen die Polarität der beiden Berufe im Sinne einer >>schöpferischen
Indifferenz<<.-
Mynona ist Teil der Berliner Boheme, publiziert in Herwarth
Waldens expressionistischer Zeitschrift -Sturm- und diskutiert mit Raoul
Hausmann, Hannah Höch und Walter Mehring im Dada-Dunstkreis. 1933 flüchtet er
mit seiner Frau nach Frankreich, versucht in die USA auszureisen und stirbt
dann völlig verarmt 1944 in Paris. Seine Schriften sind bis heute nur in einer
geringen Auswahl auf dem Buchmarkt erhältlich, insbesondere seine philosophischen
Texte werden kaum rezipiert. Mynonas
Texte dennoch zu lesen, erfordert einige Konzentration und die Bereitschaft,
sich auf sein zum Teil sehr komplexes philosophisches Denken sowie zahlreiche
Kontextbezüge und intertextuelle Verweise einzulassen. In diesem Blockseminar stehen die literarischen Texte des Autors im
Mittelpunkt; eine Rückkopplung an seine theoretisch-philosophischen Positionen dient
dabei jedoch dem tieferen Verständnis seiner Arbeiten.
Bitte besuchen Sie das Seminar nur, wenn Sie Interesse haben
gründlich nachzudenken und sich intensiv einlesen möchten. Ziel des Seminars ist es zudem, anhand ausgewählter Texte
literaturwissenschaftliche Grundlagen der Textanalyse, Gattungsspezifika,
Informationen zum Autor und seiner Generation, Merkmale des Expressionismus und
des Dadaismus sowie literaturtheoretische Grundlagen zu vermitteln.
Die Literaturliste, den Reader und die Zugangsdaten zum
Moodle-Kurs erhalten Sie in der Vorbesprechung.
FB 02 Institut für Germanistik
Uni Kassel
SoSe 2013
Germanistik/Deutsch
Deutsch Zweitfach
Dux Anna Lina