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Uni-Hannover
14. März 2017

Das Abendland als historisch politischer Kampfbegriff

Seit dem 16. Jahrhundert findet sich, als Übersetzung des altrömischen Begriffs -Okzident- (occidens sol = untergehende Sonne), die Bezeichnung -Abendland- oder -Abendländer- in der deutschsprachigen Geistesgeschichte, Philosophie und Theologie für den nicht-orthodoxen und nicht-islamischen Teil Europas bzw. der angrenzenden vorderasiatischen...

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Seit dem 16. Jahrhundert findet sich, als Übersetzung des altrömischen Begriffs -Okzident- (occidens sol = untergehende Sonne), die Bezeichnung -Abendland- oder -Abendländer- in der deutschsprachigen Geistesgeschichte, Philosophie und Theologie für den nicht-orthodoxen und nicht-islamischen Teil Europas bzw. der angrenzenden vorderasiatischen Welt (-Orient-). Die Vorstellung einer Art westlichen Kerneuropas wurde oft auf Karl den Großen zurückgeführt und bildete fortan ein Argument in den verschiedensten weltanschaulichen Wertdebatten. Mal war -Abendland- Teil einer Kampfrede zur Abwehr z.B. der osmanischen Expansion, mal war es Aufruf zur innereuropäischen Friedenswahrung, mal nostalgischer Seufzer im Angesicht einer untergehenden alten Welt. Nach der Schlacht von Stalingrad verstärkten die Nationalsozialisten ihre Abendlandsrhetorik, doch selbst in den bundesrepublikanischen 1950er Jahren besaß der Begriff noch große gesellschaftliche Schlagkraft. Heute findet er sich wieder in den Bedrohungsszenarien rechtspopulistischer Propaganda (z.B. -Pegida-). Wir fragen nach Ursprung, Sinn und Funktion eines solchen historisch-politischen Konstrukts – das ja nie einen realen Gehalt besaß, sondern lediglich formbare Idee war –, verfolgen den Begriff über die Jahrhunderte in der quellenmäßigen Überlieferung, Publizistik und Geschichtskultur. Fluchtpunkt unserer Studien soll die Konzeption einer Museumsausstellung sein, die sich kritisch dem Abendlandbegriff, aber auch zugehörigen Termini wie -Westen- oder Orientalismus nähert, ohne deren besondere Bedeutung in den Kulturkontroversen unserer Zeit zu leugnen. Richard Faber: Abendland. Ein politischer Kampfbegriff. 2. Aufl. Berlin/Wien 2002. Axel Schildt: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. München 1999. Wolfgang Benz: Ansturm auf das Abendland? Zur Wahrnehmung des Islam in der westlichen Gesellschaft. Wien 2013. Barricelli, Michele, Prof. Dr. Universität Hannover WiSe 2015/16 Sonderpädagogik, B. A. Sonderpädagogik Prof. Dr. Schwark Thomas