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Uni-Siegen
14. März 2017

Das lange 19 Jahrhundert

Auch wenn es verführerisch ist, Jahrhundertwenden als Zäsuren zu verstehen, sind Epochenkonstrukteure gut beraten, solchen Suggestionen nicht zu folgen. Die Historiker sprechen von -langen- oder -kurzen- Jahrhunderten, um zum Ausdruck zu bringen, daß die geschichtliche Rekonstruktion mit anderen Zeiträumen rechnet,...

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Auch wenn es verführerisch ist, Jahrhundertwenden als Zäsuren zu verstehen, sind Epochenkonstrukteure gut beraten, solchen Suggestionen nicht zu folgen. Die Historiker sprechen von -langen- oder -kurzen- Jahrhunderten, um zum Ausdruck zu bringen, daß die geschichtliche Rekonstruktion mit anderen Zeiträumen rechnet, als sie die Chronologie vorgibt. So ist das 20. Jahrhundert -kurz- gewesen (vom Ende des 1. Weltkrieges bis zur politischen Wende 1989), während das 19. Jahrhundert -lang- ausfiel (von 1789 bis 1918). Ist das -lange- 19. Jahrhundert der Historiker für die Geschichte der (deutschen) Literatur von Bedeutung? Dieser Frage wird das Seminar nachgehen. Man hat das 19. Jahrhundert auch das -Jahrhundert der Literatur- genannt. Unter einer mediengeschichtlichen Perspektive wird sichtbar, daß die Lektüre gedruckter Literatur in weder vorher noch nachher gekannter Art und Weise konkurrenzlos war. Im 18. Jahrhundert konnten nur wenige lesen, Mündlichkeit dominierte noch. Im 20. Jahrhundert schränkten neue Verbreitungsmedien (Film, Rundfunk, TV, Internet) die Lektüre von Druckerzeugnissen ein, ohne sie allerdings zu verdrängen. Im 19. Jahrhundert dominierte der gedruckte Text (Buch, Almanach, Zeitschrift). Neben die mediengeschichtliche Perspektive tritt die soziologische: Im späten 18. Jahrhundert differenziert sich die Literatur aus älteren Bindungen aus und wird -autonom-. Sie folgt keinen externen Programmen (Religion, Moral, Politik) mehr, sondern programmiert sich selbst. Im 19. Jahrhundert erprobt die Literatur eine Reihe von Programmalternativen zwischen -Romantik- und -Realismus-, -Ästhetizismus- und -Avantgarde-. Dem Literaturhistoriker stellt sich die Frage, ob das 20. Jahrhundert diesen Programmparadigmen noch substantielle Alternativen an die Seite stellen konnte. Das Seminar wird zunächst die mediengeschichtlichen und soziologischen Parameter diskutieren, die die Konstruktion eines -langen 19. Jahrhunderts der Literatur- orientieren. Im Anschluß daran sollen Programmtexte und literarische Werke studiert werden, an denen sich die Evolution der Literatur im 19. Jahrhundert ablesen läßt. Die genaue Festlegung der Texte erfolgt in Absprache mit den Teilnehmern in der Vorbesprechung. Die Vorbesprechung findet am 11. April 2011 um 18 Uhr statt. Literatur: Claudia Stockinger: Das 19. Jahrhundert. Berlin 2010 Germanistik - Neuere deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft Universität Siegen SoSe 2011 Prof. Plumpe Gerhard