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Uni-Siegen
14. März 2017

Der Brief als literarisches Medium der Moderne

Seit der Erfindung der Schrift ist der Brief ein vielgestaltiges Medium, das durch seine materielle Möglichkeit der Überwindung räumlicher (und zeitlicher) Distanzen die kommunikationsspezifische Synthese von Mitteilung, Information und Verstehen (nach Niklas Luhmann) erleichtert, - von der archaischen Runen-Botschaft bis...

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Seit der Erfindung der Schrift ist der Brief ein vielgestaltiges Medium, das durch seine materielle Möglichkeit der Überwindung räumlicher (und zeitlicher) Distanzen die kommunikationsspezifische Synthese von Mitteilung, Information und Verstehen (nach Niklas Luhmann) erleichtert, - von der archaischen Runen-Botschaft bis zur heutigen E-Mail. Aufgrund seines pragmatischen Ersatzcharakters weist das ‚unreine Genre’ des Briefes (Barbara Hahn) nicht nur eine funktionale und strukturelle Nähe zum mündlichen Gespräch auf, sondern stellt auch vor das konstitutive Problem eines ‚Phasenverzugs’ (Nickisch) zwischen Absenden und Empfangen. Als geschichtliche Quellen sind Briefe seit der Frühen Neuzeit aber auch in wachsendem Maße zu 'Ego Dokumenten' geworden, Folie des persönlichen 'Ausdrucks' und der Selbstreflexion wie Autobiographie und Tagebuch. Historisch begann die Ära des Privatbriefs mit der Emergenz des Individuums in der Renaissance und erreichte ihre Blütezeit im deutschsprachigen Raum mit der Freundschafts- und Gefühlskultur der bürgerlichen Empfindsamkeit. Der Briefwechsel wurde zum Seelenaustausch, besonders zwischen Frauen, deren spontane ‚natürliche’ Schreibweise und bevorzugte Thematisierung der Alltagswelt Christian Fürchtegott Gellert in der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Maßstab einer neuen Briefkonzeption machte, welche die Nachahmung des mündlichen Gesprächs auch zum ästhetischen Ideal erhob. Gedruckte weibliche Korrespondenzen, etwa zwischen der ‚Gottschedin’ und Dorothee Henriette von Runckel, bahnten den schwierigen Weg der Autorin in die Literatur. Vor allem der literarisierte romantische Brief ließ die Grenzen zwischen Referentialität und Fiktionalität verschwimmen (vgl. K.H. Bohrer), so dass sich die Gebrauchsform in subversive ‚Briefromane’ (Bettine von Arnim) verwandelte. Doch deren radikale Dialogizität wich einer wachsenden Tendenz zum subjektivistischen Monolog, etwa im intimen Bekenntnisbrief. Dass die Epistel in der Moderne zum einen dichterischer Selbstinszenierung (vgl. Rilke, Kafka, Lasker-Schüler), zum anderen ästhetisch-philosophischen Debatten (vgl. Hofmannsthals ‚Chandos’-Brief) diente, zeigt der z.T. essayistische Austausch zwischen Schriftstellern bzw. Intellektuellen (Theodor Storm & Gottfried Keller, Thomas Mann & Theodor W. Adorno, Paul Celan & Ingeborg Bachmann usw.). Wir wollen uns in diesem Seminar mit der Chance und Problematik des ‚Brief-Wechsels’ anhand ausgewählter Beispiele beschäftigen. Eine zentrale Frage wird dabei sein, inwiefern Korrespondenzen eine ‚Schreib-Schule’ für Frauen (Barbara Becker-Cantarino) waren. Voraussetzung zur Teilnahme ist die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und einem (Gruppen-)Referat. Primärliteratur : eine Liste von Briefen (z.B. von Meta Klopstock, Johann Wolfgang von Goethe, Caroline Schlegel-Schelling, Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Gottfried Keller, Adalbert Stifter, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Marie Rilke, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Marieluise Fleißer, Thomas Mann, Annemarie Schwarzenbach, Paul Celan, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann u.v.a.) wird zu Semesterbeginn gemeinsam erstellt - Katja Behrens (Hg.): Frauen der Romantik. Porträts in Briefen. Ffm./Leipzig: Insel 1981 - Birgit Weißenborn (Hg.): -Ich sende Dir ein zärtliches Pfand-. Die Briefe der Karoline von Günderrode. Ffm./Leipzig: Insel 1992 - Bettine von Arnim: Die Günderode. [1840]. Mit einem Essay von Christa Wolf. Ffm.: Suhrkamp 1994 Sekundärliteratur (Auswahl): - Nickisch, Reinhard M.G.: Brief. Stuttgart: Metzler 1991 - Anderegg, Johannes: ‚Schreibe mir oft!’ Zum Medium Brief zwischen 1750 und 1830. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001 - Koschorke, Albrecht: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18.Jahrhunderts. München: Fink 1999 - Bohrer, Karl Heinz: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. (1987) Ffm.: Suhrkamp 1989 - Siegert, Bernhard: Geschichte der Literatur als Epoche der Post (1751-1913). Berlin 1993 - Hämmerle, Christa / Edith Saurer (Hg.): Briefkulturen und ihr Geschlecht. Zur Geschichte der privaten Korrespondenz vom 16. Jh. bis heute. L’Homme. Schriften 7. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2003 - Hahn, Barbara: -’Weiber verstehen alles à la lettre’. Briefkultur im beginnenden 19.Jahrhundert-. In: Gisela Brinker-Gabler (Hg.), Deutsche Literatur von Frauen. 2.Bd., München: Beck 1988, S. 13-27 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2015/16 apl. Prof. Dr. Runte Annette