Die Gelehrte, eine Figur der europäischen Frühmoderne
Beschreibung von: Die Gelehrte, eine Figur der europäischen Frühmoderne, der Veranstaltung an der Universität Siegen. Mit einer ausführlichen Literaturliste.
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Jetzt Lernplan erstellenObwohl es in der antiken wie christlichen Überlieferung eine Fülle von mythischen und legendären Frauengestalten gibt, die sich durch ihre hohe Bildung auszeichneten (z.B. die Hetäre ‚Diotima' in Platons Gastmahl) und die schon mittelalterliche ‚Lexika' illustrer Damen (von Boccaccio bis Jakob Philipp von Bergamo) zierten, taucht die ‚moderne' Figur der weiblichen Gelehrsamkeit, als kulturelle Realität und diskursives Ereignis, erst mit dem Humanismus der Frühen Neuzeit (Erasmus von Rotterdam) und dem sich im 16. Jahrhundert allmählich entwickelnden rationalen Denken (z.B. Descartes) auf, das auch den empirischen Wissenschaften (z.B. Francis Bacon) ihren Weg bahnte.
Das neue Menschenbild einer Zeitenwende von der Transzendenz zur Immanenz schuf zudem erste Impulse für ein egalitaristisches Verständnis der Geschlechter, etwa in den Schriften von Michel de Montaignes Adoptivtochter Marie le Jars de Gournay, die sich bereits „femme de lettres" nannte. Von den virtuosen weiblichen ‚Wunderkindern' der italienischen Renaissance, wie etwa Olympia Morata oder Gambara Stampa, die ‚männliche' Muster, zum Beispiel Petrarcas Liebeslyrik, perfekt nachzuahmen verstanden, über die protestantische Universalgelehrte Anna Maria van Schurmann, die mit der Königin Christine von Schweden korrespondierte und durch halb Europa reiste, oder Mary Astell, die - ebenfalls im 17. Jahrhundert - bereits einen umfassenden Bildungsanspruch für Mädchen erhob, bis hin zu den von männlichen Intellektuellen geförderten Gelehrten der Frühaufklärung, z.B. der Physikerin Emilie du Chatelet, einer Freundin Voltaires, oder der Gattin des Literaturpapstes Johann Christoph Gottsched, die dessen Regelpoetik mit einem gewissen Eigensinn anwandte und Gelehrsamkeit nicht nur als ‚Handwerk' in einer ‚Arbeitsehe' (Heide Wunder) verstand, - bietet sich also ein breites Spektrum berühmter Einzelfälle, welche auf der Folie des sozialen und kulturellen Wandels, insbesondere im Kontext der Geschichte der Frauenbildung, eine Reihe symptomatischer Problemstellungen zu etablieren erlaubt, etwa die Frage danach, ob auch genuin ‚weibliche' Traditionslinien oder gar Mentorschaften für den erst im späten 19. Jahrhundert politisch ermöglichten Zugang der Frauen zu akademischen Institutionen - wie der Universität - eine Rolle spielten. In der hier anvisierten Makro-Epoche der ‚Frühmoderne', die bereits im ‚Cinquecento' einsetzte und bis zur Französischen Revolution reicht, sind sowohl überregionale Phänomene - wie die ‚Querelle des Femmes', eine Länder und Zeiten überspannende Debatte um die ‚Un/Gleichheit' der Geschlechter - als auch ‚nationale' Besonderheiten, z.B. die aristokratischen Salons der ‚Preziösen' im absolutistischen Frankreich, von großer Relevanz, um die Bedeutung von interkulturellen Tendenzen bzw. ‚Kulturtransfers' proto-feministischer Lebens- und Arbeitskonzeptionen genauer einzuschätzen. Besonders ins Visier rücken dabei Formen weiblicher Autodidaktik, die mit literarischer Produktion einher gehen (z.B. Catharina Regina von Greiffenberg, Sidonie Zäunemann, Karoline von Günderrode usw.), wobei gekrönte Poetinnen (wie Anna Luisa Karsch unter Friedrich dem Großen) jedoch ebenso wenig im Vordergrund stehen sollen wie ausschließlich deutschsprachige Quellen. - Neben entsprechender Sprachkenntnis (im Englischen und Französischen) wird von den TeilnehmerInnen die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und Referatübernahme erwartet.
Primärliteratur (Auswahl) zur Figur der europäischen Frühmoderne:
- Der Anna Maria von Schurman Eukleria oder Erwählung des besten Theils. Aus dem Latein. übers. von Paulus Hachenberg (1671). Leipzig, Dessau, Göttingen: 1783, 460 S. (CD-ROM der SUB Göttingen vorhanden)
- Louise Gottsched - „mit der Feder in der Hand". Briefe aus den Jahren 1730-1762. Darmstadt: WBG 1999
- Gedichte, Dramen, Briefe u.a. Texte von Anna Ovena Hoyens, Catharina Regina von Greiffenberg, Christiana Mariana von Ziegler, Sidonie Zäunemann, der ‚Gottschedin' und Karoline von Günderrode werden zu Anfang des Semesters angegeben
- Johann Caspar Eberti: Eröffnetes Cabinet Deß Gelehrten Frauen=Zimmers. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1706 aus den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek München. Hg. von Elisabeth Gössmann. München: Iudicium 1986 (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung, Bd. 3)
- Cavendish, Margaret: A True Relation of my Birth, Breeding, and Life (1656)
Sekundärliteratur (Auswahl):
- Spang, Michael: Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678). Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2009
- Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Ffm.: Suhrkamp 1979
- Wunder, Heide: „Überlegungen zum Wandel der Geschlechterbeziehungen im 15. und 16.Jahrhundert aus sozialgeschichtlicher Sicht". In: dies./Christina Vanja (Hg.), Wandel der Geschlechterbeziehungen zu Beginn der Neuzeit. Ffm.: Suhrkamp 1991, S. 12-27
- Conrad, Anne: „'Katechismusfrauen' und ‚Scholastikerinnen'. Katholische Mädchenbildung in der Frühen Neuzeit". In: ebd., S. 154-180
- Vocelka, Karl: Frühe Neuzeit 1500-1800. Konstanz/München 2013 (UTB Basics 2833)
- Wunder, Heide: Er ist die Sonn', sie ist der Mond. Frauen in der Frühen Neuzeit. München: Beck 1992
- Jaumann, Herbert: Handbuch Gelehrtenkultur der Frühen Neuzeit. Bio-bibliographisches Repertorium. Berlin: Walter de Gruyter 2004, 721 S. (ausgewählte Artikel)
- Gisela Engel u.a. (Hgg.): Geschlechterstreit am Beginn der europäischen Moderne. Die Querelle des Femmes. Königstein i.Ts.: Ulrike Helmer Vlg. 2004
- Drexl, Magdalena: Weiberfeinde - Weiberfreunde? Die Querelle des Femmes im Kontext konfessioneller Konflikte um 1600. Ffm./NY: Campus 2006
- Ball, Gabriele u.a. (Hgg.): Diskurse der Aufklärung. Luise Adelgunde Victorie Gottsched. Wiesbaden: Harrassowitz 2006
- Ferguson, Moira: „Feministische Polemik. Schriften englischer Frauen von der Spätrenaissance bis zur Französischen Revolution". In: Querelles Jahrbuch, 2 (1997), S. 292-316 (auch als pdf-Datei abrufbar: www.zefg.fu-berlin.de/media/pdf/querelles292-316.pdf)
- Zimmermann, Margarete: Christine de Pizan. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2002
- Pieper, Julia: „Désir et Vertu. Bildung und weibliche Identität im Werk der Dames des Roches». In: Querelles Jahrbuch, 2 (1997), S. 57-77
- Kroll, Renate: „Feministin, Philosophin, Universalgelehrte. Marie le Jars de Gournay". In: Margarete Zimmermann (Hg.), Salon der Autorinnen. Berlin: Erich Schmidt 2005, S.183-193
- Baader, Renate: Dames de lettres. Autorinnen des preziösen,hocharistokratischen und 'modernen' Salons (1649-1698). Stuttgart: Metzler 1986
- Badinter, Elisabeth: Emilie, Emilie. Weiblicher Lebensentwurf im 18.Jh. [frz. 1983] München: Piper 1984
- Hohkampf, Michaela/Gabriele Jancke (Hgg.): Nonne, Königin und Kurtisane. Wissen, Bildung und Gelehrsamkeit von Frauen in der Frühen Neuzeit. Königstein/Ts.: U. Helmer Vlg. 2004
- Stedmann, Gesa/Margarete Zimmermann (Hgg.): Höfe - Salons - Akademien. Kulturtransfer und Gender im Europa der Frühen Neuzeit. Hildesheim: Olms 2007
- Köhler, Cornelia C.: Frauengelehrsamkeit im Leipzig der Frühaufklärung. Möglichkeiten und Grenzen am Fallbeispiel des Schmähschriftprozesses im Zusammenhang mit der Dichterkrönung Christiana Mariana von Zieglers. Leipziger Universitätsverlag 2007
- Gropp, Rose-Maria: „Freud und Leid von Frauen". In: F.A. Kittler u.a. (Hgg.), Institution Universität. Diskursanalysen 2, Opladen: Westdt. Verlag 1990, S. 116-129