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14. März 2017Gated communities in der Literatur und im Film Lateinamerikas
Gated communities, Country Clubs, condomínios fechados, barrios privados, urbanizaciones cerradas, ensembles résidentiels clos usw. allein die Vielzahl der existierenden Bezeichnungen macht deutlich, dass es das Phänomen des beschützten Wohnens und der bewachten Wohnkomplexe auf der ganzen Welt gibt, von Potsdam...
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Jetzt Lernplan erstellenGated communities, Country Clubs, condomínios fechados, barrios privados, urbanizaciones cerradas, ensembles résidentiels clos usw. allein die Vielzahl der existierenden Bezeichnungen macht deutlich, dass es das Phänomen des beschützten Wohnens und der bewachten Wohnkomplexe auf der ganzen Welt gibt, von Potsdam bis Johannesburg und von Moskau bis Los Angeles. Überall, wo ein wohlhabender Mittelstand und eine reiche Oberschicht meinen, sich gegen reale und vermeintliche Bedrohungen von außen, die meistens aus sozialer, wirtschaftlicher und ethnischer Ungleichheit herrühren, schützen zu müssen, entstehen solche Wohnformen, nicht nur, wie gesagt, aber vor allem auch in den lateinamerikanischen Ländern. Obwohl die gated communities in Lateinamerika nicht neu sind und entsprechende Gemeinschaften etwa in Argentinien schon in den 1930er und 40er Jahren gegründet wurden, wie der elitäre Tortugas Country Club, sind sie doch in erster Linie ein Produkt der neoliberalen Reformen der 1990er Jahre, in denen sich die sozialen Gegensätze dramatisch verschärften.
Die Künste, allen voran die Literatur und der Film, aber auch das Fernsehen, die Musik und der Comic, haben die gated communities längst als Setting für sich entdeckt und schöpfen das große narrative Konfliktpotenzial und die vielfältigen sozialpolitischen Aspekte des Stoffs auf unterschiedliche Weise aus. Sehr häufig ist dabei die Verbindung von Kriminalhandlungen mit einer sehr gegenwartsnahen Sozialkritik wie in Claudia Piñeiros Bestsellerroman Las viudas de los jueves (2005), der mit nicht weniger großem Erfolg von Marcelo Piñeyro verfilmt wurde (2009). Ebenso wie diese beiden Werke ist auch Raúl Argemís Thriller Retrato de una familia con muerta (2008) in Argentinien situiert. Sehr bekannt ist auch Rodrigo Plás spannender Spielfilm La zona (2007), der bereits mehrfach im deutschen Fernsehen gezeigt wurde und dessen Handlung in einem barrio cerrado in Mexiko-Stadt angesiedelt ist. Daneben gibt es zahlreiche weitere Filme, die den Stoff auf originelle Weise aufgreifen: Ariel Winograds Cara de Queso mi primer ghetto (2006), Guillermo und Jorge Semperes Pájaros muertos (2009) und Celina Murgas Una semana solos (2009). Zu interessanten Vergleichen lädt die Tatsache ein, dass das Thema nicht nur einen Klassiker der neueren US-amerikanischen Literatur inspiriert hat, T. C. Boyles mittlerweile oft im Englischunterricht an den Schulen gelesenen Roman The Tortilla Curtain (1995), sondern auch den jungen deutsch-argentinischen Autor Juan S. Guse zu seinem ersten Roman Lärm und Wälder (2015) animierte.
Natürlich werden wir uns mit den gated communities in Lateinamerika und speziell in Argentinien und Mexiko auch unter einem urbanistischen und soziokulturellen Blickwinkel beschäftigen. Mehr noch interessiert uns aber, warum sich gerade Literatur und Film mit diesem Stoff beschäftigen und welchen ästhetischen Reiz sie ihm abgewinnen. Dass dies jeweils nicht ohne Einbeziehung der außerliterarischen Diskurse geschehen kann, versteht sich bei einem solchen Gegenstand geradezu von selbst.
Das genaue Programm des Seminars und eine Bibliographie sind ab Ende September auf Moodle verfügbar. Bitte melden Sie sich dort rechtzeitig an. Auf Wunsch der Teilnehmer können Teile des Seminars auch in spanischer Sprache stattfinden.
Bitte beschaffen Sie sich selbstständig die folgenden Texte, die Grundlage unserer Seminararbeit sind:
• Raúl Argemí, Retrato de familia con muerta, Madrid: Diario Público, 2008 (auch als pdf auf Moodle).
• Claudia Piñeiro, Las viudas de los jueves, Buenos Aires: Alfaguara Argentina, 2005/Madrid: Santillana, 2010 (dt. Die Donnerstagswitwen, aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Zürich: Unionsverlag, 2010).
Weitere Lektüre für Interessierte:
• Juan S. Guse, Lärm und Wälder, Frankfurt am Main: Fischer, 2015.
• T. C. Boyle, The Tortilla Curtain, Rockland, MA: Wheeler Publ., 1996 (dt. América, aus dem Amerikanischen von Werner Richter, München: dtv, 2006).
Zur Vorbereitung auf die Beschäftigung mit den gated communities aus sozialwissenschaftlicher Perspektive:
• Michael Janoschka/Axel Borsdorf, Condomínios fechados and barrios privados: the rise of private residential neighbourhoods in Latin America, in: Georg Glasze/Chris Webster/Klaus Frantz (Hrsg.), Private Cities: Global and Local Perspectives, Routledge. London & New York, 2006, 92-108 (auch als pdf auf Moodle).
• Georg Glasze, Gated Community, in: Nadine Marquardt/Verena Schreiber (Hrsg.), Ortsregister: Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. Bielefeld: transcript, 2012, 126-132 (auch als pdf auf Moodle).
• Georg Glasze/Michael Janoschka, Urbanizaciones cerradas: un modelo analítico, in: Ciudades 59 (2003), 9-20 (auch als pdf auf Moodle).
Leistungsnachweis
Leistungsnachweis:
Für die Studienleistung (3 LP): Referat (Vortrag, Präsentation, Thesenblatt) einzeln oder, je nach Teilnehmerzahl, in der Gruppe; für die Prüfungsleistung (3 LP): zusätzlich längere schriftliche Arbeit (als Prüfungsleistung im MA Lehramt Spanisch mündliche Prüfung in der Fremdsprache nach Abschluss von 1.2).
Romanisches Seminar
Regelmäßige Anwesenheit, aktive Mitarbeit sowie möglichst gute Spanischkenntnisse. Außer von Raúl Argemís Kriminalroman Retrato de una familia con muerta gibt es allerdings von allen behandelten Texten deutsche Übersetzungen. Alle TeilnehmerInnen müssen bis Seminarbeginn die beiden Romane von Claudia Piñeiro und Raúl Argemí gelesen haben!
Leistungsnachweis:
Für die Studienleistung (3 LP): Referat (Vortrag, Präsentation, Thesenblatt) einzeln oder, je nach Teilnehmerzahl, in der Gruppe; für die Prüfungsleistung (3 LP): zusätzlich längere schriftliche Arbeit (als Prüfungsleistung im MA Lehramt Spanisch mündliche Prüfung in der Fremdsprache nach Abschluss von 1.2).
Universität Siegen
WiSe 2016/17
Univ.-Prof. Dr.
von Tschilschke Christian