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Uni-Siegen
14. März 2017

Grammatische Zweifelsfälle

Wo sich bei Sprechern und Schreibern Zweifel und Unsicherheit melden, da wird die Sache für Grammatiker gerade interessant. Heißt es richtig Wir Deutsche oder Wir Deutschen? Schreibt man nach langem, schwerem Leiden oder nach langem schweren Leiden oder womöglich beides?...

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Wo sich bei Sprechern und Schreibern Zweifel und Unsicherheit melden, da wird die Sache für Grammatiker gerade interessant. Heißt es richtig Wir Deutsche oder Wir Deutschen? Schreibt man nach langem, schwerem Leiden oder nach langem schweren Leiden oder womöglich beides? Wohin muss der Konjunktiv bei indirekter Rede und wohin kann er (nicht)? Heißt es Schillers ´Räuber´ hat mir gefallen oder …haben mir gefallen? Wo es Normkonflikte gibt, da haben wir es mit Schwachstellen des Sprachsystems zu tun. An ihnen zeigt sich, dass manchmal widersprüchliche Kräfte das Sprechen bestimmen. Während der Sprecher gewöhnlich nur wissen will, welche Option -richtig- ist, sieht der Grammatiker an solchen Stellen Systemprobleme und Einfallstore für künftigen Sprachwandel. In diesem Seminar wollen wir den so genannten Zweifelsfall-DUDEN zum Ausgangspunkt nehmen, um uns in einige zentrale Felder grammatischer Normunsicherheit im Gegenwartsdeutschen einzuarbeiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht allein um die -richtige- Lösung, die es oft gar nicht gibt, sondern um die Erkenntnis widersprüchlicher grammatischer Konstruktionsprinzipien. Seminarplan [1] Einführung und Überblick [2] Numeruskongruenz: Zwei Kilo Hack reicht/reichen. [3] Adjektivflexion: das rosa(ne) Hemd und nach langem schweren Leiden. [4] Apposition in welchem Kasus? Der Preis für Brot, dem Grundnahrungsmittel der Bevölkerung… [5] Perfekt auf haben oder sein? Erst habe ich gejoggt und dann bin ich auf der Terrasse gesessen vs. Erst bin ich gejoggt und dann habe ich auf der Terrasse gesessen. [6] Genusprobleme ohne Ende: Das Mädchen hat sein/ihr Spielzeug verloren. Es/sie weint. (Köpcke & Zubin 2009) [7] Kasusprobleme ohne Ende: das Fell des Bärs/Bären, dem Mann/Manne kann geholfen werden, die Berge des Himalaja(s). (Oštir 2009) [8] Das Doppelperfekt bzw. Doppelplusquamperfekt: Das hatte ich dir doch schon gesagt gehabt! [9] Possessorprobleme: Das ist meinem Bruder sein Zimmer, das Zimmer von meinem Bruder, das Zimmer meines Bruders. [10] Verben, stark oder schwach: Er hing/hängte seine Jacke auf und sog/saugte an den Fingern. [11] Zusammenfassung: System, Norm und Rede Literatur Coseriu, Eugenio (1988): Sprachkompetenz. Grundzüge der Theorie des Sprechens. Tübingen: Francke. DUDEN Nr. 9: Richtiges und gutes Deutsch. Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. 6. Aufl., bearbeitet von Peter Eisenberg (unter Mitwirkung von Franziska Münzberg und Kathrin Kunkel-Razum). Mannheim: DUDEN Verlag 2007. Eisenberg, Peter (1998/99): Grundriss der deutschen Grammatik, Bd. 1 -Das Wort- und Bd. 2 -Der Satz-. Stuttgart: Metzler. Hentschel, Elke & Vogel, Petra, Hg. (2009): De Gruyter Lexikon Deutsche Morphologie. Berlin, New York: De Gruyter. Köpcke, Klaus-Michael & Zubin, David A. (2009): Artikel -Genus in Hentschel & Vogel (2009: 132-154). Löbel, Elisabeth (2009): Artikel -Numerus- in Hentschel & Vogel (2009: 260-270). Oštir, Alja Lipavic (2009): Artikel -Genitiv- in Hentschel & Vogel (2009: 113-132). Weydt. Harald (2009): Artikel -Konjunktiv- in Hentschel & Vogel (2009: 207-224). Germanistik - Sprachwissenschaft I Universität Siegen SoSe 2010 Univ.-Prof. Dr. Knobloch Clemens