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Uni-Dortmund
14. März 2017

Hauptseminar Aufzeichnen

-Verrate die Ereignisse - das Sonnenlicht auf den Blättern, den blauen Himmel - nicht an die Sprache. Die Kunst wäre es, zu warten, sich zu konzentrieren, bis diese Ereignisse von selber Sprache würden-. (Peter Handke, Die Geschichte des Bleistifts, Salzburg...

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-Verrate die Ereignisse - das Sonnenlicht auf den Blättern, den blauen Himmel - nicht an die Sprache. Die Kunst wäre es, zu warten, sich zu konzentrieren, bis diese Ereignisse von selber Sprache würden-. (Peter Handke, Die Geschichte des Bleistifts, Salzburg und Wien: Residenz 1982, S. 13) In Peter Handkes Geschichte des Bleistifts, einer Sammlung von Aufzeichnungen aus den Jahren 1976-1980, haben wir es mit einer Wahrnehmungsreihe zu tun, die neben den üblichen Themen (Liebe, Natur, Kinder, Bilder, Einsamkeit und Sprache) zahlreiche Selbstspiegelungen enthält. Immer wieder hält der Schreibende sich im Schreiben an sich selbst auf, wünscht er sich doch, die Welt in und um sich unverstellt aufzeichnen zu können. Dabei stößt er auf zahlreiche Hindernisse, plötzliche Einfälle, Beobachtungen, semantische Unfälle, seltsame Eindrücke und Schreibinstrumente, die die Autorschaft der Geschichte in Frage stellen. Während etwa Johann Wolfgang Goethe noch -weit lieber zu dem Bleistift [griff], welcher williger die Züge hergab: denn es war mir einigemal begegnet, daß das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte, mich zerstreute und ein kleines Produkt in der Geburt erstickte- (Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit (1811-1830), in: ders., Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, herausgegeben von Erich Trunz, Band 10, München: Beck 41966, S. 80 f.), billigt Handke dem Bleistift (mehr oder weniger freiwillig) eine eigenständige, ja souveräne Position zu. Die Geschichte des Bleistifts liefert so ein treffendes Beispiel für die verwickelte Praxis des Schreibens und Aufzeichnens, deren wesentliches Kennzeichen der Souveränitätswechsel (hier: Autor zu Bleistift) ist. Vor diesem Hintergrund wollen wir uns neben Handkes Geschichte noch mit Oswald Wieners Die Entdeckung von Mitteleuropa, Ludwig Hohls Die Notizen oder von der voreiligen Versöhnung, Elias Canettis Aufzeichnungen, Wolfgang Koeppens Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Rolf Dieter Brinkmanns Wörter Sex Schnitt und einigen grundlegenden Beiträgen zur Schreibtheorie und Schreibprozessforschung befassen. Das Seminar gehört zum Rahmenprogramm der Ringvorlesung -Schreiben- (http://www.studiger.tu-dortmund.de/index.php?title=Schreiben). Voraussetzung für die Bescheinigung der aktiven Teilnahme ist die Bereitschaft, für eine Sitzung ein Ergebnisprotokoll zu übernehmen Zu besorgen sind Peter Handkes Die Geschichte des Bleistifts (gebunden oder als Taschenbuch; zahlreiche gebrauchte Exemplare ab 1 Cent finden sich unter www.amazon.de oder www.zvab.com) und Wolfgang Koeppens Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch (gebraucht ab 1,44 Euro unter ww.amazon.de oder www.zvab.com ). Alle weiteren Texte werden in Form eines Readers zur Verfügung gestellt. Technische Universität Dortmund SoSe 2012 Morgenroth Claas