Uni-Kassel
14. März 2017Hauptseminar Der Belohnungsvorhersagefehler und seine Bedeutung für Musik
(1) Mikroebene: Auf Tonika, Subdominante und Dominante folgt wieder die Tonika diese Formel ist so bewährt wie banal. Möglicherweise steigt die ästhetische Wertschätzung gerade dann, wenn nicht die vertraute, sondern die unerwartete Wendung einsetzt. Dies bringt z.B. das Wort -Trugschluss-...
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Jetzt Lernplan erstellen(1) Mikroebene: Auf Tonika, Subdominante und Dominante folgt wieder die Tonika diese Formel ist so bewährt wie banal. Möglicherweise steigt die ästhetische Wertschätzung gerade dann, wenn nicht die vertraute, sondern die unerwartete Wendung einsetzt. Dies bringt z.B. das Wort -Trugschluss- zum Ausdruck. (2) Mesoebene: Kann man einen Hit kreieren, indem man aus vorangegangenen Erfolgen musikalische Parameter extrahiert und in einem neuen Song zusammenführt? Vielleicht schon, mag die Antwort lauten, aber statt einem originellen Resultat droht die -Ewige Wiederkunft des Gleichen- (Friedrich Nietzsche). Ein wirklich innovativer Komponist oder Songschreiber lässt sich stattdessen etwas völlig Neues einfallen. (3) Makroebene: In -The production of culture- beschrieb Richard Peterson bereits 1976, wie sich Phasen der kompetitiven Innovation mit Phasen der Ausschöpfung etablierter Ingredienzien zyklisch einander abwechseln. Dafür lassen sich viele (historische) Beispiele finden: Einer Fokussierung auf die Sinfonie während der Klassik folge die Wiederentdeckung der (Bachschen) Fugentechnik Nach jahrzehntelanger Atonalität und Abstraktion der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts erfolgte unter dem Stichwort -Neue Einfachheit- eine Rückbesinnung auf Tonalität und etablierte Formmodelle Auf die Hochkonjunktur des Techno der frühen 1990er Jahre folgte der -Unplugged--Trend usw.
All diese Mechanismen lassen sich möglicherweise mit dem psychologischen Modell des Belohnungsvorhersagefehlers (Spitzer 2007) erklären und deuten. Man kann es sich am besten anhand eines Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenks veranschaulichen. Bekomme ich genau das, was ich mir gewünscht habe, entsteht nur eine durchschnittliche Zufriedenheit. Demgegenüber ist das Glücksempfinden bei positiven und zugleich unerwarteten Erfahrungen maximal also bei der gelungenen Geschenküberraschung. Anhand eingehender Lektüre der überschaubaren Zahl zum Thema verfügbarer Studien (ggf. ergänzt durch Referate) werden wir also der Erklärungsleistung des Belohnungsvorhersagefehlers nachspüren. Ziel ist es auch, das etalierte musikpsychologische Testparadigma, welches nur zwischen Erfüllung (fulfillment) und Verstoß (violation) von Ewartungen (expectations) unterscheidet (Koelsch 2011), kritisch zu hinterfragen und ggf. zu aktualisieren.
Peterson, Richard (1976): The production of culture. American Behavioral Scientist, 19 (6), S. 669-684.
Spitzer, Manfred (2007): Zur Neurobiologie des Dauerlottoscheins. Dopamin, Belohnung und Neugierde. In: Vom Sinn des Lebens: Wege statt Werke (S. 140-149). Stuttgart: Schattauer.
Koelsch, Stefan (2011): Toward a neural basis of music perception - a review and updated model. Front Psychol, 2, S. 110.
FB 01 Institut für Musik
Uni Kassel
WiSe 2015/16
Prof. Dr.
Hemming Jan