Uni-Kassel
14. März 2017Hauptseminar Tod Trauer Trost Sterbebüchlein Trauerklagen Leichenpredigten in Spätmittelalter und früher Neuzeit HS LitWiss
Der Tod ist wie die Geburt eine Erfahrung, die allen Menschen gemein ist. Aber er ist eine -Erfahrung ohne Erfahrung- denn in dem Augenblick, in dem der Tod -erfahren- wird, gibt es keine Erfahrung mehr. Daher kann man auch nicht...
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Jetzt Lernplan erstellenDer Tod ist wie die Geburt eine Erfahrung, die allen Menschen gemein ist. Aber er ist eine -Erfahrung ohne Erfahrung- denn in dem Augenblick, in dem der Tod -erfahren- wird, gibt es keine Erfahrung mehr. Daher kann man auch nicht die Erfahrung des Todes anderer für sich antizipieren, der Tod ist immer nur vor uns, wenn er da ist, sind wir nicht mehr da. Dass dieses Wissen um die Unabänderlichkeit des sterben-Müssens ohne Erfahrung dessen, was das ist, Reflexionen provoziert, liegt auf der Hand. Sie können den Tod verdrängen, banalisieren, tabuisieren oder sie können ihn transzendieren und ihn ins Leben integrieren, indem aus dem memento mori, dem Gedenken an die eigene Sterblichkeit, Selbsterkenntnis erwächst, der Tod nicht als Ende, sondern als Vollendung angesehen wird und erst die Todesverfallenheit dem Menschen bewusst macht, was Leben eigentlich ist. Jede Gesellschaft entwickelt ihre eigenen Techniken, um den Tod sowohl ins Leben zu integrieren als ihn auch in seiner Absolutheit zu bannen, ihm den Schrecken zu nehmen. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sind es vor allem drei Formen, die sowohl die commentatio mortis, das Denken an den Tod, wach halten als auch der Bewältigung des Todes wie dessen Integrierung in das menschliche Sein dienen.
Um diese Formen wird es in diesem Seminar gehen:
1.) um Leichenpredigten, die vor allem aus dem 16.-18. Jahrhundert in großer Zahl überliefert sind. Nur wenige sind ediert, viele aber online faksimiliert. Wir werden uns mit formalen und medialen Aspekten dieser Gattung auseinandersetzen, uns nicht entmutigen lassen, Fraktur zu lesen und vor allem auch Predigten aus dem Kasseler und Waldeckschen Raum berücksichtigen. Ein Teil dieses Themas wird zusammen mit meiner Szegeder Kollegin Tünde Katona, einer Expertin auf diesem Gebiet, bearbeitet. Sie ist vom 10.-16. November in Kassel und bietet einen Block von vier Stunden an (falls wir einen Raum finden!) (das Semester endet dann eine Woche früher).
2.) um Anleitungen zum -richtigen- Sterben, um im geglaubten und erhofften Jenseits auf die Seite der Guten zu gelangen. Die Kunst des Sterbens (Ars moriendi) wollte zeitlebens eingeübt sein. Behilflich waren Sterbebüchlein, die den Ablauf des Sterbens, alle notwendigen Schritte, die Rituale gegenüber der Familie und den Mitmenschen, die Gebete und die mentale Haltung genau be- und vorschreiben. Wir werden Beispiele spätmittelalterlicher Autoren bis zu Luther lesen, Text-Bild Verhältnisse klären, nach Vorlagen suchen und durch genaue Textlektüre uns den schwer verständlichen Inhalten nähern. Impulsreferate sind möglich z.B. zu den -Vier Letzten Dingen-, zum -Dies irae-; zur Bedrohung durch Seuchen allen voran der Pest.
Leider ist die einzige Textausgabe zur Ars Moriendi Literatur vergriffen. Wir werden uns daher mit Kopien oder Scans behelfen, die in moodle bereit gestellt werden.
3.) um Totenklagen, wie wir sie sowohl aus fiktionaler wie pragmatischer Literatur kennen. Dabei wird es darum gehen, Muster dieser Totenklagen zu erkennen und herauszuarbeiten, danach zu fragen, ob Klagen in fiktionaler Dichtung sich von den -realen- Totenklagen unterscheiden, welche Funktion sie haben sowohl innerhalb des Begräbnisrituals wie im Kontext der Erzählung und wie Emotionen sprachlich hergestellt werden. Sicher nicht fehlen wird die Totenklage des Eneas um Pallas (Heinrich von Veldeke: Eneasroman), die Klage um Reinmar von Walther von der Vogelweide, die sog. Witwenklage Reinmars, Totenklagen auf verstorbene Ritter (Peter Suchenwirt) und Vanitas Beschwörungen im Barock. Auch diese Auswahl lässt sich beliebig erweitern.
Impulsreferate sind hier nicht zwingend erforderlich, aber möglich zum Kontext, in dem die jeweilige Totenklage steht, zur Biographie der jeweiligen Dichter, zur Form des lateinischen Planctus.
Sitzungen und Themen
16.10. Einführung in das Thema des Seminars
1. Block: Leichenpredigten
23.10., 6.11., 13.11., 20.11. (27.11.)
mögliche Texte:
Eine Christliche Leichpredig Bey der Volckreichen Leichbegängnuß des Ehrwirdigen, Achbarn vnnd Wohlgelerten Herrn M. STEPHANI XYLANDRI, gewesenen Pfarherrn vnd Seelsorgers zu Kirchdrauff, gehalten den 23. Aprill Anno 1619. Durch PETRVM ZABELERVM, Pastorn vnd Superintendenten der Kirchen zur Leutsch. Gedruckt zur Leutschaw Durch Daniel Schultz Im Jahr 1620
Eine Christliche Leichenpredigt . . . bey des Fürstlichen Leichenbegegnüss der Weylandt... Stanislai Thursonis Palatini und Fürsten des Königreichs Hungarn... Welcher den 1. Maij, des 1625. Jahrs in Christo seeliglich verschieden... Caschaw, 1626.
Leichenpredigt und Bericht über die letzten Tage des Carl Fürst zu Waldeck / verfaßt von Johann Franz Christoph Steinmetz. Bad Arolsen : Digitar, 2003 Die doppelte Ehrenkrone des Aegidius Ruppersberger : Leichenpredigt u. Epitaph auf e. hess. Pfarrer d. Barockzeit / [von Gerhard Heilman]. Mit e. Beitr. von Rudolf Lenz. Marburg 1989.(= Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 44) Ehren-Seule Dem Durchleuchtigsten Fürsten und Herrn/ Hn. Wilhelmen dem Sechsten Landgraffen zu Hessen/ Fürsten zu Herßfeld/ Graffen zu Catzenelnbogen ... Alß Sr. Fürstlichen Durchleuchtigkeit seeligst verblichener Cörper den 27ten Octobris, des 1663ten Jahrs in der Grossen Freyheiter Kirchen zu Cassel in das Fürstliche Begräbnis beygesetzt worden, Zur ewigen höchstpreiß- und glorwürdigsten Gedächtnüß , Rinteln : Wächter, 1669
Christliche Leichpredigt. Bey der Begrebnüs des weyland Edelen, Gestrengen vnd Ehrnvehsten Adam Hacken auff Obertaw, etc. Welcher den 17. Aprilis dieses 1597. Jahrs seliglichen in Christo entschlaffenm vnd hernach Donnerstags den 21. tag Aprilis, in gegenwart vnd beysein vieler Christlicher vnd Adelicher Personen, Christlich vnd ehrlich, in der Pfarkirchen zu Pegaw, in sein Ruhekämmerlein ist gelegt worden von Feiler, Johann. 1597
(online: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2007/4826/)
Knochenhauer, Andreas G.: Nichtigkeit und Flüchtigkeit des menschlichen Lebens, Nebst e. von eben demselben d. abends zwischen 10 u. 11 Uhr bey d. fuerstl. Leiche, ehe dieselbe beygesetzet worden, gehaltenen Klage- und Trost-Rede (1701). Leichenpredigt auf die Fürstin Charlotta Anhalt-Bernburg (FWHB III 35c-h 25) Die unvergleichlich schoene Sieges-Palmen, mit welchen der durchleuchtigste Fuerst und Herr, Herr Heinrich August Wilhelm, Erb-Printz zu Nassau, ..., den 22. Tag des august Monats 1718 durch einen sanfften Tod bekroenet worden. Zusammt denen Trauer-Cypressen, womit einer hoch-fuerstlichen Durchleuchtigkeit mit unverwelcklichen Tugend Blumen ueberstreuetes Grab-Mahl sehr haeuffig .... 1718. (FWHB 35c-h 12)
2. Block: Die Kunst des Sterbens: Sterbebüchlein von Anselm bis Luther
(27.11.), 4.12., 11.12., 18.12., (15.1.)
Texte:
- Die -Anselmischen Fragen- des Anselm von Canterbury
- Johannes von Gerson: Über die Kunst zu sterben
- Bilder-Ars
- (Erasmus von Rotterdam: Von der Vorbereitung zum Tode)
- Martin Luther: Sermon von der Bereitung zum Sterben
Alle Texte aus: Jaques Laager: Ars Moriendi. Manesse Bibliothek, Zürich 1996.)
- (Christliches Todten-Büchl. Das ist Wahre Kunst Gottselig zusterben : Gezogen auß dem H. Leyden vnd Sterben Christi Jesu/ Vnsers Heylands/ vnd Seligmachers / Durch P. Leopoldum Mancinum Societ: Iesv 1659)
3. Block: Totenklagen
(15.1.), 22.1., 29.1., 3.2. mögliche Texte (werden noch ergänzt)
- die Klagen um Pallas (Heinrich von Veldeke: Eneasroman),
- die Klage der Herzeloyde um Gahmuret (Wolfram von Eschenbach: Parzival)
- die Klage um Reinmar von Walther von der Vogelweide,
- die sog. Witwenklage Reinmars,
- Totenklagen auf verstorbene Ritter (Peter Suchenwirt)
- Vanitas Beschwörungen im Barock
Leichenpredigten finden sich vor allem online, vgl. die Angaben im Kommentar
zur Ars Moriendi: Jaques Laager: Ars Moriendi. Manesse Bibliothek, Zürich 1996
zu (Literarischen) Totenklagen:
Vorschläge:
- die Klagen um Pallas (Heinrich von Veldeke: Eneasroman),
- die Klage der Herzeloyde um Gahmuret (Wolfram von Eschenbach: Parzival)
- die Klage um Reinmar von Walther von der Vogelweide,
- die sog. Witwenklage Reinmars,
- Totenklagen auf verstorbene Ritter (Peter Suchenwirt)
- Vanitas Beschwörungen im Barock
Voraussetzungen
Erwartet wird von allen TeilnehmerInnen eine gute Vorbereitung der Texte. Ein bis zwei Studierende übernehmen es zu Beginn der jeweiligen Sitzung kurz und strukturiert den Inhalt wieder zu geben und Passagen zu markieren, die entweder Verständnisprobleme bereiten oder besonders aussagekräftig zu sein scheinen für die Vorstellungen vom Tod, die sich hier artikulieren. Auf diese Weise ist ein strukturiertes Lesen und Interpretieren möglich. Sehr kurze Impulsreferate, die Grundlagen zum Verständnis bieten, sind möglich und erwünscht.
Das Seminar ist forschungsorientiert, d.h. wir können nur bedingt auf bereits vorhandene Forschungsliteratur zurückgreifen, sind vielmehr gefordert, aufmerksam die Primärtexte zu lesen und uns in lebhaften Diskussionen auszutauschen über die Verständnisschwierigkeiten, die sich zwangsläufig einstellen werden, wir müssen nach Quellen suchen, nach Vorlagen bzw. nach Gattungsspezifika, die Form und Inhalt maßgeblich bestimmen sowie nach Ansätzen zur Individualität, wie sie vor allem in Predigt und Klage zu finden sind. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein ungeachtet des Themas höchst lebendiger Austausch und ein intensives Nachdenken über etwas, was uns alle (be)trifft ohne dass wir es je er-leben- werden.
Wichtig ist in diesem Seminar die rege Benützung der e-learning Plattform moodle. Es werden Foren und Chats eingerichtet, die einen Austausch während der Lektüre ermöglichen. Hier kann man nachfragen, wenn man Wörter oder Inhalte nicht versteht, hier können Thesen formuliert und zur Diskussion gestellt werden, hier können Links zu weiteren Texten gesetzt werden, hier kann man Tipps geben für hilfreiche Literatur usw.
Eine frühzeitige Anmeldung in Moodle ist erwünscht.
LeistungsnachweisModularisierte Studiengänge:
- -Sitzschein- setzt eine aktive Teilnahme in einer Arbeitsgruppe voraus
- Diskussionsleitung mit schriftlicher Ausarbeitung: 2 Cr
- strukturierte Inhaltszusammenfassung des jeweiligen Textes 1Cr
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks (eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben) 1Cr
- Semesterarbeit: ca. 20 Seiten: 3 Cr
Scheinerwerb für nicht modularisierte Studiengänge:
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks(eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben
- Diskussionsleitung mit Thesenblatt
- Semesterarbeit
Schlüsselqualifikation:
- (Teil)transkription eines Frakturtextes
- überdurchschnittliche Diskussionsleitung mit geschicktem Einbezug elektronischer Medien oder kreativ- innovativer Elemente.
Lerninhalte
Erforschung der Funktionen, historischen Situierung, literarischen Traditionen, der Verbreitung und Wirkung, der Rezipientenschichten von Sterbeanleitungen, Leichenpredigten und Totenklagen;
Zielgruppe
im Hauptstudium bzw. MA/L3 Studiengang studierende Germanisten und Germanistinnen
FB 02 Institut für Germanistik
Erwartet wird von allen TeilnehmerInnen eine gute Vorbereitung der Texte. Ein bis zwei Studierende übernehmen es zu Beginn der jeweiligen Sitzung kurz und strukturiert den Inhalt wieder zu geben und Passagen zu markieren, die entweder Verständnisprobleme bereiten oder besonders aussagekräftig zu sein scheinen für die Vorstellungen vom Tod, die sich hier artikulieren. Auf diese Weise ist ein strukturiertes Lesen und Interpretieren möglich. Sehr kurze Impulsreferate, die Grundlagen zum Verständnis bieten, sind möglich und erwünscht.
Das Seminar ist forschungsorientiert, d.h. wir können nur bedingt auf bereits vorhandene Forschungsliteratur zurückgreifen, sind vielmehr gefordert, aufmerksam die Primärtexte zu lesen und uns in lebhaften Diskussionen auszutauschen über die Verständnisschwierigkeiten, die sich zwangsläufig einstellen werden, wir müssen nach Quellen suchen, nach Vorlagen bzw. nach Gattungsspezifika, die Form und Inhalt maßgeblich bestimmen sowie nach Ansätzen zur Individualität, wie sie vor allem in Predigt und Klage zu finden sind. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein ungeachtet des Themas höchst lebendiger Austausch und ein intensives Nachdenken über etwas, was uns alle (be)trifft ohne dass wir es je er-leben- werden.
Wichtig ist in diesem Seminar die rege Benützung der e-learning Plattform moodle. Es werden Foren und Chats eingerichtet, die einen Austausch während der Lektüre ermöglichen. Hier kann man nachfragen, wenn man Wörter oder Inhalte nicht versteht, hier können Thesen formuliert und zur Diskussion gestellt werden, hier können Links zu weiteren Texten gesetzt werden, hier kann man Tipps geben für hilfreiche Literatur usw.
Eine frühzeitige Anmeldung in Moodle ist erwünscht.
Modularisierte Studiengänge:
- -Sitzschein- setzt eine aktive Teilnahme in einer Arbeitsgruppe voraus
- Diskussionsleitung mit schriftlicher Ausarbeitung: 2 Cr
- strukturierte Inhaltszusammenfassung des jeweiligen Textes 1Cr
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks (eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben) 1Cr
- Semesterarbeit: ca. 20 Seiten: 3 Cr
Scheinerwerb für nicht modularisierte Studiengänge:
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks(eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben
- Diskussionsleitung mit Thesenblatt
- Semesterarbeit
Schlüsselqualifikation:
- (Teil)transkription eines Frakturtextes
- überdurchschnittliche Diskussionsleitung mit geschicktem Einbezug elektronischer Medien oder kreativ- innovativer Elemente.
Uni Kassel
WS 2008/2009
Germanistische Literaturwissenschaft
FB 02 Institut für Germanistik
Prof. Dr.
Brinker von der Heyde Claudia