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Uni-München
14. März 2017

Hauptseminar Untätigkeiten

-Wer rastet, der rostet!- – der gutgemeinte Sinnspruch entstammt einer Bewegungslehre der Hitze und des Schweißes. Als solcher bildet er die alltagspraktische Variante von großen, fundamentalen Aussagen aus demselben Satz-Universum. Eine davon etwa stammt von Benjamin Franklin, der allen bürgerlichen...

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-Wer rastet, der rostet!- – der gutgemeinte Sinnspruch entstammt einer Bewegungslehre der Hitze und des Schweißes. Als solcher bildet er die alltagspraktische Variante von großen, fundamentalen Aussagen aus demselben Satz-Universum. Eine davon etwa stammt von Benjamin Franklin, der allen bürgerlichen Subjekt, und solchen, die es werden wollen, mit auf den Lebensweg gab: -Remember that time is money!- – Franklins Aussage plädiert für ein Leben im Zeichen rationaler und methodischer Lebensführung. Sein lange nachhallendes Echo findet er in liberalen Doxologien, die Dasein allein als Sein zur Arbeit kennen (wollen), und die nur das sozial zu nennen übers Herz bringen, was Arbeit schafft. Subjekte sind hier dann entweder Unternehmer oder Unternommene und ‚Vollbeschäftigung’ lautet das Zauberwort, das die kapitalistische Welt zu singen anfangen und nicht aufhören lässt: -Keine Atempause! Geschichte wird gemacht! Es geht voran!- (Fehlfarben) Vor diesem Hintergrund erweist sich Untätigkeit und Arbeitslosigkeit stets schon als der Fluch, der er in ökonomisch-existentieller Hinsicht denn auch in der Regel ist, und als Ausdruck einer gewissen Nichtswürdigkeit. Unbehagen an dieser Kultur rastloser Tätigkeit äußert sich denn auch nicht selten über eine Neuartikulation des Phänomens der Untätigkeit. Dieses nicht einfach als Privation einer vorgängigen, eifrigen Betriebsamkeit, sondern als eine faszinierende Problematik darzustellen, von der interessantere und abgründigere Geschichten zu erzählen sind: davon handeln nicht zuletzt literarische Texte. Untätigkeit sieht sich in ihnen mit einer Reihe von anderen Begriffen und Problemen gekoppelt: Müßiggang/Muße, Sich-treiben-Lassen, intentionsloses Driften und Flanieren, Willensschwäche, Faulheit, Passivität, Langeweile etc. Über diese narrativen Kopplungen stellt sich nicht zuletzt die Frage, ob alle Tätigkeiten, alle Poiesis und Praxis sich letztlich als Reaktionsbildungen gegenüber einem Nichts und einer Leere im Herzen der Subjekte und Dinge entziffern lassen: ein ‚Lassen’ in allem Tun, eine Gestaltlosigkeit in allem/n Gestalten, ein Unvermögen in allem Vermögen. Das Seminar will sich diesem Komplex der Untätigkeit über eine Reihe von literarischen und theoretischen Schriften nähern. Gelesen werden u.a.: Rousseau, Les Rêveries du promeneur solitaire; Gontscharow, Oblomow; Melville, Bartleby; Perec, Un homme qui dort. Flankiert werden diese Texte von folgenden theoretischen Reflexionen: Lafargue, Lob der Faulheit; Russell, In Praise of Idleness; Hamacher, Arbeiten Durcharbeiten. Zur Einführung und Orientierung: Leonhard Fuest, Poetik des Nicht(s)tuns. Verweigerungsstrategien in der Literatur seit 1800, München 2008. Tom Hodgkinson, Anleitung zum Müßiggang, aus dem Engl.von Benjamin Schwarz, Berlin 2004. Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen. ECTS: BA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) MA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet/ mit Essays od. Referat, unbenotet) MA NF : als P 1: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) als P 2: 6 ECTS (ohne Hausarbeit, unbenotet) MA Profilbereich: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache LMU München SoSe 2015 Dr. Bullmann Lars