Uni-Kassel
14. März 2017Hauptseminar Warten
Warten gehört zu den Alltagserfahrungen, die man gemeinhin als soziale Zurückweisung interpretiert: man wartet auf den Zug oder auf die Freundin, die einen versetzt hat. Und dennoch impliziert Warten hier und da mehr und Anderes, so etwa im Extremfall bei...
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Jetzt Lernplan erstellenWarten gehört zu den Alltagserfahrungen, die man gemeinhin als soziale Zurückweisung interpretiert: man wartet auf den Zug oder auf die Freundin, die einen versetzt hat. Und dennoch impliziert Warten hier und da mehr und Anderes, so etwa im Extremfall bei dem zum Tode verurteilten Protagonisten in Camus Etranger. Hier zeigt sich exemplarisch: Warten ist kein Leerraum, sondern ein Erfahrungsraum. Gerade weil eine Begegnung unterbleibt, weil das Feld alltäglicher Besorgungen und Erwartungen unterbrochen ist, eröffnet es Zeit für Selbstbesinnung und -orientierung. Nach Maßgabe heutiger Begriffe könnte man sagen, Warten sei eine erzwungene Entschleunigung in einer allzu betriebsamen Welt. Im Umfeld der Literatur der 1950er Jahre, die in wie loser Weise auch immer vom Existenzialismus geprägt ist, nimmt das Warten eine so zentrale wie zugleich variante Stellung ein. Der Fremde in Camus gleichnamigem Roman wartet auf den Tod und fühlt sich vor seiner Hinrichtung in seiner Existenz gerechtfertigt. Die Beckett'schen Helden in En attendant Godot und Fin de partie warten auf jemanden, von dem fraglich ist, ob er überhaupt kommt und erwägen, Selbstmord zu begehen. In Butors La modification und Gracqs La presqu'île warten die Helden ungleich konkreter auf eine Frau. Nichtsdestoweniger überdenken sie wartender Weise ihre Beziehung und das heißt einmal mehr: ihren Lebensentwurf. Im Seminar werden die ausgewählten Texte hinsichtlich der Erwartungen des Wartenden und der räumlichen Dramaturgie des Wartens zu kontrastieren sein.
Zu kaufen und (in der angegebenen Reihenfolge) baldmöglichst zu lesen sind:
• Albert Camus, L'étranger (1942), éd. Gallimard (coll. folio)
• Samuel Beckett, En attendant Godot (1952), éd. Minuit
• Samuel Beckett, Fin de partie (1957), éd. Minuit
• Michel Butor, La modification (1957), éd. Minuit (coll. double)
• Julien Gracq, La presqu'île, in: La presqu'île (1970), éd. José Corti, S. 33-179
Voraussetzungen
Erfolgreich abgeschlossenes Basismodul Literaturwissenschaft. Regelmäßige aktive Teilnahme.
Leistungsnachweis
Prüfungsleistung je nach Modul und Studienordnung: schriftliche Hausarbeit (ca. 20 Seiten) oder Klausur (90 Minuten) oder wissenschaftliches Gespräch (45 Minuten).
FB 02 Institut für Romanistik
Erfolgreich abgeschlossenes Basismodul Literaturwissenschaft. Regelmäßige aktive Teilnahme.
Prüfungsleistung je nach Modul und Studienordnung: schriftliche Hausarbeit (ca. 20 Seiten) oder Klausur (90 Minuten) oder wissenschaftliches Gespräch (45 Minuten).
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WiSe 2015/16
Lehrveranstaltungspool FB 02
Prof. Dr.
Sick Franziska