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Uni-München
14. März 2017

Hauptseminar Was ist der Mensch Konzeptionen des anthropos homo oder homme vor allem um 1800 um 1950 und um 2000

Etwas, was Mensch genannt wird, erlebt derzeit eigentümliche Renaissancen. Spätestens 1966, im berühmten Schlusssatz von Michel Foucaults Les mots et les choses, war auf sein Verschwinden gewettet worden, und die Annahme, dass diese Wette inzwischen gewonnen worden sei, ist längst...

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Etwas, was Mensch genannt wird, erlebt derzeit eigentümliche Renaissancen. Spätestens 1966, im berühmten Schlusssatz von Michel Foucaults Les mots et les choses, war auf sein Verschwinden gewettet worden, und die Annahme, dass diese Wette inzwischen gewonnen worden sei, ist längst auf das Schlagwort 'Posthumanismus' gebracht worden. Und doch wird seit kurzem erwogen, gar eine ganze geologische Epoche nach 'ihm' – wenn denn jener homme/homo und dieser anthropos derselbe wären – zu benennen: das Anthropozän als derjenige Zeitraum, in dem es diesem gewaltigen (deinos: das Maß überschreitenden und deshalb Furcht erregenden) Wesen 'gelungen' ist, die ganze Erde und ihre Atmosphäre in einer Weise umzugestalten, dass die Spuren keineswegs mehr von einer Welle weggespült werden können, sondern sogar dann noch in Jahrtausenden messbar bleiben werden, wenn Vertreter der Spezies homo sapiens schon bald nicht mehr existieren sollten. Zugleich haben – in der Alltagsrede, im Feuilleton, aber sogar in gutgemeinten geisteswissenschaftlichen Abhandlungen – Apostrophierungen eines in vermeintlich unvermittelter Evidenz gegebenen Menschseins das Verschwinden des homo UND die Rückkehr des anthropos in eigentümlicher Stur- und Blindheit überlebt. Vielleicht trägt dazu auch der wieder gestiegene Einfluss von solchen Formen des Wissens bei, die, wie etwa die Evolutionsbiologie, der Spezies als solcher die 'Kultur' zuzuschreiben können glauben. – Das Seminar wird wohl nicht herausbekommen, was der Mensch ist, aber doch zur, entschieden historisch orientierten, Analyse der Reden über ihn beitragen. Zu diesen Reden gehören selbstverständlich literarische (beginnend spätestens mit dem oben schon zitierten 1. Stasimon aus Sophokles, Antigone) ebenso wie nicht-literarische (so kann etwa der Schlusssatz von Foucaults Les mots et les choses nur im Kotext des ganzen Buches und im Kontext einer Auseinandersetzung mit Jean-Paul Sartre verstanden werden, und der Begriff des Anthropozän ist mindestens auf dem Niveau zu reflektieren, das Bruno Latour in seinen Vorlesungen Facing Gaia dafür gesetzt hat) oder solche, die sich der Einordnung in die Alternative von Literatur und deren anderem entziehen (wie etwa die zwei Berichte von KZ-Überlebenden, die einschlägige Substantive oder Adjektive schon im Titel führen: Primo Levi, Se questo è un uomo; Robert Antelme, L'espèce humaine). Ich bitte, Themenvorschläge – aus den genannten Feldern oder anderen, die sich aufdrängen – und damit zugleich die Bereitschaft zur Mitverantwortung für einzelne Sitzungen bis 31.3. per Mail an stockhammer@lrz.uni-muenchen.de anzumelden; eine Rückmeldung erfolgt, in Sammelform, kurz vor Seminarbeginn. Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen. ECTS: MA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet/ mit Essays od. Referat, unbenotet) MA NF: P 1: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) MA Profilbereich: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache LMU München SoSe 2015 Univ.Prof.Dr. Stockhammer Robert