Uni-München
14. März 2017Hauptseminar Wiederholung en Literatur Philosophie Psychoanalyse
-Einmal ist keinmal.- - Johann Peter Hebel lässt in seinem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes den Hausfreund moralisch entrüstet feststellen, es handele sich bei diesem Satz um -das erlogenste und schlimmste aller Sprichwörter-, denn: -Einmal ist wenigstens einmal.- Mehr noch, so...
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Jetzt Lernplan erstellen-Einmal ist keinmal.- - Johann Peter Hebel lässt in seinem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes den Hausfreund moralisch entrüstet feststellen, es handele sich bei diesem Satz um -das erlogenste und schlimmste aller Sprichwörter-, denn: -Einmal ist wenigstens einmal.- Mehr noch, so der Hausfreund, den Dieb beschwörend, der durch den ersten Diebstahl dann immer wieder stehlen werde (eine Figur, die kriminologische Experten dann ‚Wiederholungstäter‘ nennen sollen): -Einmal ist zehnmal und hundert- und tausendmal.-
Die Moral dieser Geschichte erschöpft sich freilich nicht in einer Geschichte über Moral und unmoralische Karrieren. Sie rückt das Phänomen und die Macht der Wiederholung in den Blick. -Am Anfang war, ist und wird sein: die Wiederholung!- Denn ist nicht vielleicht jedes Tun ‚ursprünglich‘ ein Wieder-Tun und jedes Sagen ein Wieder-Sagen? Sei es, dass man Routinen, Vorbildern und Mustern folgt; sei es, dass singuläre Worte und Handlungen bereits mit ihrem ersten Auftreten, wenn es so etwas denn geben sollte, vorlaufend ihre eigene künftige Wiederkunft mitliefern. Auch ‚ein Einziges‘ wird wohl zu diesem nur, indem man auf es zurückkommt. Bei Hebel schlägt das sprachlich bereits durch eine Minimalproliferation zu Buche: damit ‚einmal‘ wenigstens ‚einmal‘ ist, muss man ‚einmal‘ wenigstens zweimal sagen. Mit der Wiederholung stellt sich somit nicht zuletzt die Frage nach dem Verhältnis von Identität und Differenz.
Einige Fragen, die in Diskursen zur Wiederholung selbst rekurrent sind, lauten dabei u.a.: Sind Menschen Wiederholungssubjekte, weil die Wiederholung ihren Sinn für Gleichartiges inmitten des nur scheinbar Verschiedenen und Vielfältigen befriedigt? Oder zeugt das Phänomen der Wiederholung umgekehrt von der Verschiedenheit des nur scheinbar Gleichartigen und wird darum als Triebfeder des Überraschenden und Neuen begehrt? Ist Wiederholung eine Form des öden und langweiligen Immergleichen (‚Alltagsroutinen‘) oder wiederholen sich nur Ereignisse, die aus der Bahn werfen, und die durch ein -Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten- (Freud) genossen bzw. bemeistert werden?
In Sachen Wiederholung hat nicht zuletzt die Literatur ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Die Faszination für das Phänomen dokumentiert sich u.a. über Formen, in denen die Sprache ihre eigene Neigung zur Wiederholung feiert - in der Lyrik etwa durch Reim und Refrain. Was den Roman anbetrifft, so sind zwei Romane des 20. Jahrhunderts zu nennen, die sich der im Seminar zu verhandelnden Sache verschrieben haben: Robbe-Grillets -La reprise/Die Wiederholung- und Handkes -Die Wiederholung- . Flankiert werden diese literarischen Arbeiten von zwei großen philosophischen Wiederholungsprojekten aus dem 19. Jahrhundert, die sich mit den Namen Nietzsche (-Also sprach Zarthustra-) und Kierkegaard (-Die Wiederholung-) verbinden. Interessanterweise steht in deren jeweiligen Verhandlungen der Sache gerade die Ordnung des philosophischen Begriffs auf dem Spiel, lassen sich Nietzsches und Kierkegaards Ausführungen doch gar nicht von der Problematik der Darstellung - kurz: dem Literarisch-Werden des philosophischen Diskurses - trennen. Sie werden dann in Deleuze (-Differenz und Wiederholung-) und Derrida (hier ist vor allem an ‚Konzepte‘ wie différance oder iterabilité zu denken) kongeniale Erben finden. Auch Walter Benjamins Thesen zum -Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit- können hier angekoppelt werden. Abschließend bleibt noch der psychoanalytische Diskurs zu nennen: insbesondere Freuds -Jenseits des Lustprinzips- liefert für eine Erörterung der Logik und Ökonomie von Wiederholungsprozessen weitreichende und bedenkenswerte Perspektiven (Wiederholungszwang, Trauma, Todestrieb, Fort/Da-Spiel etc.).
Mit den genannten Namen und Texten wird sich das Seminar beschäftigen. Ihre Vielzahl deutet bereits an, dass man die eine Darstellung oder Theorie der Wiederholung nicht wird erwarten können. Eher wird es um eine Art theoretische ‚Stille Post‘ gehen, um eine fortlaufende Wiederholung der Wiederholung, in der es sich zu (des-)orientieren gilt.
Zur Einführung und Orientierung:
Bernhard Waldenfels, -Die verändernde Kraft der Wiederholung-, in: ders., Ortsverschiebungen, Zeitverschiebungen. Modi leibhaftiger Erfahrung, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2009, S. 171-189.
Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen.
ECTS:
BA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet)
MA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet/ mit Essays od. Referat, unbenotet)
MA NF : als P 1: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet)
als P 2: 6 ECTS (ohne Hausarbeit, unbenotet)
MA Profilbereich: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet)
Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache
LMU München
SoSe 2016
Dr.
Bullmann Lars