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Uni-Siegen
14. März 2017

Katastrophen im Film

Aus dem Griechischen stammend, meint Katastrophe eine Wendung (strophé) herab (katá), einen Umsturz oder gar Untergang, also etwas, das Verderben bringt. Katastrophen sind fest im Mythenkanon verankert: Denken Sie nur an Kassandra, Poseidon oder dann im biblischen Mythos den einstürzenden...

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Aus dem Griechischen stammend, meint Katastrophe eine Wendung (strophé) herab (katá), einen Umsturz oder gar Untergang, also etwas, das Verderben bringt. Katastrophen sind fest im Mythenkanon verankert: Denken Sie nur an Kassandra, Poseidon oder dann im biblischen Mythos den einstürzenden Turm zu Babel. Hüten sollten wir uns davor, den Begriff aufzuweichen, wie es im Journalismus üblich ist, der in jedwedem Unglück und Unfall gleich die Katastrophe wittert. Im Kino sind Katastrophen so alt wie die Filmgeschichte selbst: Georges Méliès lässt schon 1902 einen Vulkan Feuer speien, und im Slapstickfilm haben Buster Keaton (The General), Charlie Chaplin und andere eine anarchische Freude an der Destruktion der (filmischen) Kulissen und Aufbauten, dem Kollaps der Maschinen und Apparate. Verfügt doch der Film über besondere Verfahren und (Trick-)Techniken, ab den 1990er Jahren dann digital enorm aufgerüstet, Katastrophen zu inszenieren was der Filmwissenschaftler Tom Gunning als Kino der Attraktionen bezeichnet. Durchaus gab es, etwa in den 1970er Jahren und zum Jahrtausendende, Konjunkturen des Katastrophenfilms, der die Schaulust am ,Negativ Erhabenen' bedient, am Sensationellen und Überwältigenden, und so einem Spektakel der Sinne frönt. In kathartischen Materialschlachten entfesselt er die von Sigmund Freud beschriebene Angstlust und liefert uns dadurch Stoff für die Entzifferung des kollektiven Unbewussten. Häufig wird dabei, amalgamiert mit dem Science-Fiction-Genre, die Katastrophe in die Zukunft verlagert (vgl. Eva Horn: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M. 2014), wo dann am Day After Terminatoren und letzte Menschen ums Überleben kämpfen. Im Seminar unterscheiden wir zwischen menschengemachten Katastrophen (Flugzeugabstürze, Havarien) und sog. Naturkatastrophen (Erdbeben, Sturmfluten), der Pranke der Natur also (A. Kluge), wobei es bekanntlich zunehmend schwerer fällt, zwischen beiden eine klare Trennlinie zu ziehen Während Katastrophen im Film geradewegs dazu einladen, konservative, ja puritanische Werte, Muster und Hollywood-Klischees variationsarm zu transportieren (der männliche Retter, die orientierungslose Frau), gab und gibt es immer auch Filme, die solche Stereotypen ironisiert (Kubricks Dr. Seltsam) oder sozialkritisch umgebrochen haben (Altmans Short Cuts), und diese Filme sind es, denen wir im Seminar ein besonderes Interesse schenken wollen. Das MA-Seminar geht über strikte Filmanalysen hinaus, indem es theoretische Konzepte aus der Sozial, Medien- und Kulturwissenschaft von der Risikogesellschaft (U. Beck) bis zum Alarmdilemma (G. Schulze) einbezieht. Literaturhinweis: Eva Horn: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M. 2014 Medienwissenschaftliches Seminar Universität Siegen SoSe 2016 Univ.-Prof. Dr. Thielmann Tristan