Uni-Siegen
14. März 2017Kulturnarratologie
-Narrare necesse est- (Odo Marquard): Menschen müssen erzählen, um sich in der Welt und der Gesellschaft zu orientieren. Daher begegnen Erzählungen uns allenthalben, nicht nur in der Literatur, sondern in allen Bereichen der Kultur und Gesellschaft. Im Café, vor Gericht,...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellen-Narrare necesse est- (Odo Marquard): Menschen müssen erzählen, um sich in der Welt und der Gesellschaft zu orientieren. Daher begegnen Erzählungen uns allenthalben, nicht nur in der Literatur, sondern in allen Bereichen der Kultur und Gesellschaft. Im Café, vor Gericht, im Fernsehen, in der Kirche, in der Politik werden Ereignisse durch Erzählungen in eine kulturell handhabbare Form gebracht. Eine Gesellschaft, in der nicht erzählt wird, ist kaum vorstellbar.
Das Erzählen erfüllt im Hinblick auf seine kulturelle Bedeutung vielfältige Funktionen. Narrative stiften kulturelle Identität, prägen das individuelle und kollektive Gedächtnis, strukturieren Räume und Zeiten, sie konstituieren unsere Wirklichkeit und stellen dabei die Grenze zwischen Fakten und Fiktionen permanent auf die Probe.
Die stark von strukturalistischen Ansätzen beeinflusste Erzählforschung hat sich lange Zeit auf die Besonderheiten literarisch-fiktionaler Erzählungen konzentriert. Gleichzeitig hat Jean-François Lyotard für die Postmoderne das Ende der großen Erzählungen (Aufklärung, Säkularisierung, Modernisierung usw.) und den Verlust ihrer Überzeugungskraft diagnostiziert. In kritischer Auseinandersetzung mit diesen beiden prominenten Positionen werden wir im Seminar das Potential der Erzähltheorie für die Kulturanalyse erschließen. Dazu werden wir uns über mögliche Erzählinstanzen und ihre Funktionen sowie die narrative Formation des Wissens innerhalb großer kultureller Erzählungen verständigen. Das Seminar zielt auf die Erarbeitung eines fassbaren Kulturbegriffs und die Auffächerung des spannungsvollen Wechselverhältnisses von Kultur und Erzählung.
Klein, Christian / Matias Martinez (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, Stuttgart, Weimar: Metzler 2009.
Köppe, Tilmann / Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung, Stuttgart: Reclam 2014.
Koschorke, Albrecht: -Codes und Narrative. Überlegungen zur Poetik der funktionalen Differenzierung.- In: Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erweiterung?, hrsg v. Walter Erhart, Stuttgart, Weimar: Metzler 2004, S. 174–185.
Luhmann, Niklas: -Kultur als historischer Begriff.- In: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 4, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999, S. 31–54.
Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, 7., überarb. Aufl., Wien: Passagen 2012.
Martinez, Matias / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, 9., erw. u. akt. Aufl. München: Beck 2012.
Nünning, Ansgar: -Wie Erzählungen Kulturen erzeugen: Prämissen, Konzepte und Perspektiven. Für eine kulturwissenschaftliche Narratologie.- In: Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven transdisziplinärer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften, hrsg. v. Alexandra Strohmaier, Bielefeld: transcript, 2013, S. 15–53.
Germanistik - Neuere deutsche Literaturwissenschaft I
Beachten Sie, dass Sie diesen Kurs nach den Prüfungsordnungen ab 2011 nicht besuchen dürfen, wenn Sie die für dieses Modulelement laut Fachspezifischen Bestimmungen und Modulhandbuch notwendigen Voraussetzungen noch nicht erfüllen.
Universität Siegen
SoSe 2015
Dr.
Schaffrick Matthias