Uni-München
14. März 2017Lektürekurs Bourdieu und Theweleit Männerehre und Männerphantasien
Mit seinem 1972 erschienenen Buch -Entwurf einer Theorie der Praxis- (ETP) hat sich Pierre Bourdieu einen Platz in der Geschichte der Ethnologie verschafft: Es ist ein Klassiker geworden und vieles von dem, was später mit Bourdieu verbunden wird wie -Habitus-,...
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Jetzt Lernplan erstellenMit seinem 1972 erschienenen Buch -Entwurf einer Theorie der Praxis- (ETP) hat sich Pierre Bourdieu einen Platz in der Geschichte der Ethnologie verschafft: Es ist ein Klassiker geworden und vieles von dem, was später mit Bourdieu verbunden wird wie -Habitus-, -soziales Kapital-, -kulturelles Kapital- usw. findet bereits dort seinen Niederschlag. Dieses Buch ist zumindest auf Deutsch recht kompliziert geschrieben, weswegen die meisten Menschen bald aufgeben, wenn sie alleine darin lesen. Wir wollen und werden uns dieses Buch in Auszügen daher gemeinsam erarbeiten.
Warum dieses Buch? Es gab in der Neujahrsnacht in Köln ein Ereignis, das die Stimmung in Deutschland gegenüber Flüchtlingen bzw. Asylbewerbern massiv und nachhaltig beeinflusst hat. Ich habe mich gefragt, was wir als Ethnologen eigentlich über den kulturellen Hintergrund dieser Männer wissen und ob wir dazu nicht eigentlich was zu sagen hätten. Auch deswegen ist es lohnenswert im ETP zu lesen, denn in diesem Buch geht es um Fragen wie: Was ist – genauer gesagt, was war - eigentlich Männerehre in der algerischen Gesellschaft? Was durften Männer und was durften sie auf keinen Fall?
Was wissen wir Ethnologen darüber hinaus über das Verhältnis von Männern und Frauen in Algerien, Marokko, Tunesien? Es gibt da noch einen weiteren Klassiker zu diesem Thema: -Tuhami. Portrait eines Marokkaners- von Vincent Crapanzano. Auch darin werden wir lesen. Und wir werden uns einige ganz neue Zeitschriftenartikel zu diesem Thema -gönnen-, die sich z. B. mit der Frage befassen, ob der Arabische Frühling etwas an den dort herrschenden Männerbildern geändert hat.
Das alles aber fände ich nicht befriedigend, wenn da nicht etwas anderes hinzukäme, etwas, das seit Laura Nader -studying up- heißt. Ich beschreibe das mal verkürzt und provokativ mit: Das, was wir über uns selbst nicht wissen, werden wir über andere nie wirklich erfahren. In diesem Fall heißt das: Was ist eigentlich Männerehre bei uns? Ist diese, was eigentlich zu hoffen wäre, ausgestorben? Mindestens einige ganz bestimmte Männer tragen dieses Wort jedoch immer noch gerne vor sich her: die sogenannten Anti-Salafisten, die mit ihren Demonstrationen kund tun, die -deutsche Frau- vor den -bösen Moslems- schützen zu wollen; viele, viele Pegida- und AfD-Anhänger und schlicht alle Neonazis in diesem Land. Was haben diese Männer eigentlich für Vorstellungen von Männlichkeit, von Ehre? Da wird es finster, ich weiß, das ist kein schönes Thema. Auch hierzu gibt es jedenfalls einen Klassiker: -Männerphantasien- von Klaus Theweleit. In diesem Buch (zwei Bände) befasst sich Theweleit mit den Selbstbeschreibungen der Nationalsozialisten in Deutschland. Dazu hat er Hunderte von Romanen, Aufsätzen, Autobiographien usw. gelesen, die von diesen Männern selbst geschrieben worden sind. Das Resümee, das er zieht, lautet (ebenfalls sehr verkürzt): Das sind nicht zu Ende geborene Männer, die dringend darauf angewiesen sind, sich äußerliche männliche Attribute (ihrer Definition nach!) zulegen und diese zur Schau tragen zu müssen und deren Frauenbild auf dem Dualismus Mutter bzw. Schwester versus Hure aufbaut. Ich weiß, so ein Thema ist unangenehm, aber wir sollten doch zumindest eine Ahnung davon haben, was in solchen Köpfen vorging und vorgeht. Um das mit der heutigen Situation abzugleichen werden wir uns auch mit neueren Studien zu diesem Thema befassen.
Um das jedoch sofort klarzustellen: Es geht in diesem Lektürekurs nicht darum, das eine mit dem anderen zu vergleichen oder gar gleichzusetzen, sondern es geht um einen – wie oft in der Ethnologie – nicht ganz so einfachen Gedankengang: Durch die Auseinandersetzung mit faschistischen Männerbildern, deren Vorstellungen darüber, was ein Mann ist, erfahren wir, mit welchem Bewusstsein unsere Gesellschaft anderen Gesellschaften gegenüber auftrat (was nicht nur unter dem Stichwort -Ethnologie im Faschismus- zu wissen wichtig ist) und womöglich immer noch auftritt, was in unseren eigenen Köpfen steckt, immer noch steckt oder womöglich doch schon überwunden ist. Wenn wir dann noch wissen, in welcher Art von Kultur die Väter und Großväter der Täter der Kölner Neujahrsnacht gelebt haben, gewinnen wir ein tieferes Verständnis von dieser Sache. Oder?
Ganz fest vorgenommen habe ich mir, dass in diesem Seminar viel diskutiert wird und ich dafür auch den Raum resp. die Zeit lasse.
Wer keine ECTS-Punkte oder dergleichen braucht und sich dennoch für das Thema interessiert, ist selbstverständlich ebenfalls herzlich eingeladen zu kommen, mitzulesen und mitzudiskutieren.
Wer schon mal anfangen möchte zu lesen:
• Bourdieu, Pierre: -Entwurf einer Theorie der Praxis-, Frankfurt a. M., 1976
• Theweleit, Klaus: -Männerphantasien. 2 Bände-, Frankfurt a. M. 1977
• Crapanzano, Vincent: -Tuhami. Portrait eines Marokkaners, Stuttgart 1983
Leistungsnachweis
B.A. Ethnologie:
6 ECTS, Übungsaufgaben, benotet
B.A. Vergl. Kultur- und Religionswissenschaft:
3 ECTS, Übungsaufgaben oder Thesenpapier, benotet
M.A. Ethnologie:
Profilveranstaltung 6 ECTS, Übungsaufgaben oder Hausarbeit oder Thesenpapier, unbenotet
Fakultät für Kulturwissenschaften
B.A. Ethnologie:
6 ECTS, Übungsaufgaben, benotet
B.A. Vergl. Kultur- und Religionswissenschaft:
3 ECTS, Übungsaufgaben oder Thesenpapier, benotet
M.A. Ethnologie:
Profilveranstaltung 6 ECTS, Übungsaufgaben oder Hausarbeit oder Thesenpapier, unbenotet
LMU München
WiSe 1617
Dr.
Habermeyer Wolfgang