Uni-München
14. März 2017Lektürekurs Herrschaftsfreie Kommunikation oder was die Ethnologie mit der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas verbindet
Wenn man im Internet die Stichwörter -engaged anthropology-, -activist anthropology-, -applied antropology- usw. eingibt und sich ein bisschen einliest, dann stößt man dabei sehr schnell auf das Wort -Dialog- bzw. -dialogue- und die daraus abgeleiteten Termini wie -dialogische Forschung-, -dialogical...
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Jetzt Lernplan erstellenWenn man im Internet die Stichwörter -engaged anthropology-, -activist anthropology-, -applied antropology- usw. eingibt und sich ein bisschen einliest, dann stößt man dabei sehr schnell auf das Wort -Dialog- bzw. -dialogue- und die daraus abgeleiteten Termini wie -dialogische Forschung-, -dialogical anthropology- usw.
Was aber ist ein Dialog? Einfach nur ein Gespräch? Zu einem Dialog braucht es das, was man auf Deutsch -gleiche Augenhöhe- bezeichnet: Diejenigen, die da einen Dialog führen, müssen im Rahmen dieses Dialogs gleichberechtigt sein.
Wie aus dem Prinzip des Dialogs Handlung entsteht und wie und warum diese Handlung herrschaftsfrei sein kann bzw. muss, das hat der berühmte Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas in seinem Buch -Theorie des kommunikativen Handelns- (TKH) beschrieben.
Von diesem Buch hat die eine oder der andere vielleicht schon gehört: Man wird jedoch sofort abgeschreckt, weil es erstens sehr dick ist – es sind eigentlich zwei Bände von je 500 Seiten – und weil es zweitens heißt, dieses Buch sei zwar interessant aber unheimlich schwierig.
Wenn man sich jedoch überwindet und ein bisschen darin herumblättert, dann stellt man fest, dass schon ab Seite 72 im ersten Band die zitierten Wissenschaftler fast allesamt aus der ethnologischen Ecke stammen: Evans-Pritchard, Bronislaw Malinowski, Maurice Godelier, Claude Levi-Strauss usw. Was haben all die Ethnologen und ihre Werke in einem der wichtigsten Theoriebücher der letzten 50 Jahre verloren?
Ich behaupte: Die Ethnologie befindet sich tatsächlich im Kern der -TKH-, und zwar notwendigerweise. Warum? Das werden wir im Lektürekurs klären.
Worum es daher im Kurs gehen soll:
• Beim Anspruch, dass eine heutige, eine moderne Ethnologie herrschaftsfrei, gleichberechtigt etc. zu sein hat, schwingt immer mit, dass wir schon wissen, was eine herrschaftsfreie Forschungspraxis, was ein herrschaftsfreier Dialog mit unseren Gesprächspartner, was überhaupt ein Dialog ist. Ich behaupte jedoch: Was in unserer eigenen Gesellschaft und Denktradition aber tatsächlich unter -herrschaftsfreier Kommunikation- gemeint ist, ist keineswegs so klar, wie es scheint. Was also bei uns, in unserer Gesellschaft gemeint ist mit Dialog, mit herrschaftsfreier Kommunikation, das soll zumindest ansatzweise vermittelt werden in diesem Lektürekurs.
• Wir werden uns ein paar ganz aktuelle theoretische Schriften aus der Ethnologie nehmen und sie daraufhin anschauen, was dort unter -gleichberechtigtem Dialog-, -herrschaftsfreiem Diskus- etc. gemeint ist.
• Wir werden drittens klären, warum die Ethnologie so unsagbar spannend ist. Weil sie sich nämlich mit Themen beschäftigt, die tatsächlich an den Kern -unserer- Wissensproduktion rühren: Es ist eben kein Zufall, dass Habermas für seine Theorie die Ethnologie braucht, und zwar dringend. Wie wir das als Ethnologen finden, darüber werden wir reden.
• Wie man mit so einem Mammutwerk wie der TKH umgehen kann, wie man Pfade findet, um diesen Theoriegipfel zu ersteigen (ohne Sauerstoff!), das zeigen zu können, würde mich sehr freuen.
Es geht also letztlich um eine Verbindung von modernster ethnologischer Forschungspraxis und höchst anspruchsvoller Theorie.
Und noch was: Ob in London, Paris oder Berkeley oder sonst einem hot spot der Kulturwissenschaft, wenn man aus Deutschland kommt und Ethnologie studiert hat, wird man ganz sicher irgendwann nach Jürgen Habermas gefragt. Darauf sollte man dann eine zumindest nicht ganz triviale Antwort parat haben.
Teilnehmen kann am Lektürekurs jede und jeder, die bzw. den es interessiert. Wer einen Schein erwerben will, muss bereit sein an einer Arbeitsgruppe teilzunehmen.
• Jürgen Habermas, -Theorie des kommunikativen Handelns-, Franfurt a. M. 1981
• Udi Mandel Butler, -Notes on a Dialogical Anthropology-, Berghahn Journals 2009
• Shannon Speed, -Rights in Rebellion-, Stanford, Calif., 2008
• Sam Beck u. Carl A. Maida, -Toward Engaged Anthropology-, Berghahn Books, 2013
• Bryan R. Wilson (Hrsg.), -Rationality-, Oxford, 1970
Leistungsnachweis
B.A. Ethnologie:
6 ECTS, Hausarbeit, benotet
M.A. Ethnologie:
Profilveranstaltung: 6 ECTS, Übungsaufgaben oder Hausarbeit oder Thesenpapier, unbenotet
Fakultät für Kulturwissenschaften
B.A. Ethnologie:
6 ECTS, Hausarbeit, benotet
M.A. Ethnologie:
Profilveranstaltung: 6 ECTS, Übungsaufgaben oder Hausarbeit oder Thesenpapier, unbenotet
LMU München
WiSe 1415
Dr.
Habermeyer Wolfgang