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Uni-Hannover
14. März 2017

Liebe Tod und Leidenschaft 8211 Werther und Wertheriaden

Goethe landet im Herbst 1774 einen der ersten großen Coups des Literaturmarktes: -Die Leiden des jungen Werthers- erscheinen. Ein Epochenereignis, das schnell zum internationalen Beststeller avanciert und Goethe auf lange Zeit auf die Rolle des Werther-Autors festlegt, nicht wenig zu...

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Goethe landet im Herbst 1774 einen der ersten großen Coups des Literaturmarktes: -Die Leiden des jungen Werthers- erscheinen. Ein Epochenereignis, das schnell zum internationalen Beststeller avanciert und Goethe auf lange Zeit auf die Rolle des Werther-Autors festlegt, nicht wenig zu dessen Verdruss. Eine regelrechte Werther-Mode greift um sich, mit Kunst und Kitsch, blauem Frack und gelber Hose auf Kaffeetassen und Schnupftabaksdosen. In der Folge sah sich der Jung-Star zu zahlreichen Überarbeitungen veranlasst, nicht zuletzt aufgrund der zwar wenigen, aber umso spektakulärer medial verbreiteten -Werther--Selbstmorde, begangen aus dem später so genannten -Werther-Effekt- heraus von ähnlich Leidenden in vermeintlicher Gefolgschaft ihres Idols. Nachahmer fand der Briefroman jedoch auch auf literarischen Gebiet. Format, Ausrichtung und vor allem die Sujets wie Individualität und Gesellschaft, Liebe und Eifersucht, Melancholie und Leidenschaft, Natur und Einsamkeit, Krankheit und Wahnsinn, Tod und Selbstmord wurden vielfach aufgegriffen und variiert, sowohl in affirmativer als auch kritischer Bezugnahme auf das Vorbild. Zu Beginn steht aufklärerische Abwehr mit Friedrich Nicolais parodistischen -Freuden des jungen Werthers-, die Goethe zu scharfer Gegenreaktion provozieren. Sein Sturm-und-Drang-Freund Lenz schreibt dagegen mit dem -Waldbruder- ein -Pendant- zum -Werther-, von Kleist stammt die Anekdote vom -Neueren Werther-. Auch die Romantik ist wesentlich beeinflusst vom Werther-Roman; so zeugen beispielsweise Novalis‘ -Hymnen an die Nacht- von einer vergleichbar gelagerten Ich-Erkundung, während Achim von Arnim mit der Satire -Die Zerbrochene Postkutsche- den -Text zu einer komischen Operette- verfasst. Mit Jules Massenet kommt es dann zu einer wirklichen -Werther--Oper, der Sozialdramatiker Johann Nestroy nimmt sich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts den Stoff wiederum distanzierend vor und Kierkegaard beschäftigt sich aus philosophischer Perspektive mit der wertherianischen -Krankheit zum Tode-. Im 20. Jahrhundert ragen Thomas Manns -Lotte in Weimar- und Plenzdorfs -Die neuen Leiden des jungen W.- heraus. Nach der eingehenden Beschäftigung mit dem Initialtext und dessen Wirkungsphänomen will das Seminar mit den Wertheriaden sowohl Querverbindungen zu den jeweiligen literaturgeschichtlichen Epochen aufzeigen als auch die Überzeitlichkeit der zentralen Themen des Werther-Stoffs kenntlich machen. Für die Prüfungsleistung ist die Anfertigung einer wissenschaftlichen Hausarbeit vorgesehen. Ein Reader wird bereitgestellt. Zur Einführung: Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. St. Ingbert: Röhrig 1986. Vorderstemann, Karin: -Ausgelitten hast du – ausgerungen…- Lyrische Wertheriaden im 18. und 19. Jahrhundert. Heidelberg: Winter 2007. Zweitfach Deutsch, MA Lehramt Sonderpädagogik Teilnehmerzahl: 30. Universität Hannover WiSe 2016/17 Deutsches Seminar Dr. Antoine Annette