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14. März 2017Literarische Damenopfer in Romantik und Vormärz Karoline von Günderrode und Charlotte Stieglitz
Während die zwischen Weimarer Klassik und Jenaer Frühromantik
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Jetzt Lernplan erstellenWährend die zwischen Weimarer Klassik und Jenaer Frühromantik 'schwebende' Schriftstellerin Karoline von Günderrode (1780-1807), eine Freundin Bettine von Arnims, ihre Poesie selbstbewusst, wenn auch unter Pseudonymen, veröffentlichte und bereits zu Lebzeiten Anerkennung erlangte, sind die wenigen Gedichte und privaten Briefe der Dichtergattin Charlotte Stieglitz (1806-1834), die ihrerseits nie literarischen Ehrgeiz entwickelte, erst lange nach ihrem tragischen Selbstmord publiziert worden. Stattdessen wurde sie vom 'Jungen Deutschland', einer literarischen Strömung des politischen 'Vormärz', der die bürgerliche Revolution von 1848 vorbereitete, zur Heiligen verklärt. Denn ihr Suizid war ausdrücklich durch einen Akt der Liebe motiviert, trat sie doch aus dem Leben, um ihrem Mann Heinrich Stieglitz (1801-1849) dadurch einen Kreativitätsschub zu ermöglichen (vgl. Abschiedsschreiben). Erdolchte sich 'die' Günderrode hingegen aus Enttäuschung über den plötzlichen Rückzug ihres verheirateten Geliebten Friedrich Creuzer, eines Heidelberger Universitätsprofessors, der sie als Autorin gefördert hatte, ist beiden Frauen ein emanzipatorischer Wille zur Selbstständigkeit gemeinsam. Handelt es sich hier um das für die Kunst des 19. Jahrhunderts typische 'Damenopfer', d.h. die Ästhetisierung des Weiblichen in dessen 'schönem' Sterben (vgl. Bronfen 1994)? Karoline von Günderrode, die mit Creuzer unter der selbstgewählten Maske eines männlichen 'Freundes' kommunizierte, schrieb Heldinnen-Dramen über das Thema 'Tyrannenmord' (Nikator, Hildgund) und Gedichte mit maskulinem Rollen-Ich. Charlotte Stieglitz' Tat der Selbsttötung wurde unter den saint-simonistischen Vorzeichen einer Gleichstellung der Geschlechter als 'Fall weiblicher Genialität' gepriesen, den die mit ihr befreundeten jungdeutschen Romanciers allerdings ideologisch instrumentalisierten, Theodor Mundt in Madonna. Unterhaltungen mit einer Heiligen (1835) und Karl Gutzkow in seinem zum Verbot des 'Jungen Deutschland' führenden erotischen Skandalroman Wally, die Zweiflerin (1835). - Voraussetzung zur Seminarteilnahme ist die Lektüre des Romans 'Wally' und die Bereitschaft zur Übernahme eines Referats.
Literatur:
Günderrode, Karoline von: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-Kritische Ausgabe. Hg. von Walter Morgenthaler. Ffm./Basel: Stroemfeld/Roter Stern 1990/1991 [Semesterapparat]
-Ich sende Dir ein zärtliches Pfand-. Die Briefe der K. v. Günderrode. Hg. v. Birgit Weißenborn. Ffm.: Insel Vlg. 1992
Lazarowicz, Margarete: K.v.G. Porträt einer Fremden. Peter Lang 1986
Dormann, Helga: Die Kunst des inneren Sinns. Mythisierung der inneren u. äußeren Natur im Werk K. v. Günderrodes. Würzburg 2004
Stieglitz, Charlotte: Gedichte und Briefe. Hg. von Franz Josef Görtz. Insel Vlg. 1987
Ledanff, Susanne (Hg.): Ch. Stieglitz. Geschichte eines Denkmals. Ullstein 1986
Stieglitz, Heinrich: Erinnerungen an Charlotte. Hg. v. Louis Curtze [1863]. Reprint [Semesterapparat]
Gutzkow, Karl: Wally, die Zweiflerin. [1835]. Studienausgabe mit Dokumenten zum zeitgenössischen Literaturstreit. Hg. v. Günter Heintz. Reclam: 1998
Mundt, Theodor: Madonna. Unterhaltungen mit einer Heiligen [1835]. Berlin: Edition Holzinger 2013
Bronfen, Elisabeth: Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik. Kunstmann Vlg. 1994
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
WiSe 2013/14
94 apl. Prof. Dr. A
Runte Annette 94 A