Uni-Siegen
14. März 2017Literarischer Antisemitismus im 19 Jahrhundert Romantik Vormärz Realismus
Jüdische Romanfiguren kommen in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts selten gut weg: -Junker Itzig war keine auffallend schöne Erscheinung; hager, bleich, mit röthlichem krausem Haar, in einer alten Jacke und defecten Beinkleidern sah er so aus, daß er einem...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenJüdische Romanfiguren kommen in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts selten gut weg: -Junker Itzig war keine auffallend schöne Erscheinung; hager, bleich, mit röthlichem krausem Haar, in einer alten Jacke und defecten Beinkleidern sah er so aus, daß er einem Gendarmen ungleich interessanter sein mußte als andern Reisenden.- Einführende Figurencharakterisierungen wie die hier zitierte des jüdischen ‚Bösewichts‘ Veitel Itzig aus Gustav Freytags Roman -Soll und Haben- (1855) sind in dem Jahrhundert der Emanzipation und Assimilation der Juden in Deutschland keine Seltenheit.
Doch wie kann die Literaturwissenschaft überhaupt bestimmen, wann und ob ein Text ‚antisemitisch‘ ist? Was ist das überhaupt: -Literarischer Antisemitismus-? Wieso wurden gerade solche Romane wie -Soll und Haben- kanonisiert, bis in die 1960er-Jahre massenhaft gelesen und noch in den 1980er-Jahren von der Germanistik gegen den Vorwurf verteidigt, antisemitischen Weltwahrnehmungen Vorschub zu leisten? Gab es in der Romantik, im Vormärz und im Realismus nicht auch ‚positive‘ Beispiele der Judendarstellung? Wie stellten jüdische Schriftsteller jene Minderheit, der sie in meist ausgrenzender und diskriminierender Weise zugerechnet wurden, selbst dar? Und wie steht es mit dem Literarischen Antisemitismus im europäischen Kontext?
Die Vorlesung beantwortet nicht nur diese Fragen, sondern untersucht die Verfahrensweisen literaturwissenschaftlicher Bewertungen von Bewertungen, welche literarische und literaturkritische Texte aus dieser Zeit im Blick auf jüdische Figuren und jüdische Kultur in Europa vornehmen: Es wird also nicht nur ein historischer Abriss der literarischen Darstellung jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert geboten, sondern auch eine meta-wissenschaftliche Betrachtung der Wertungsgeschichte dieser literarischen Tradition in der Literaturwissenschaft versucht.
Literaturhinweise werden in der Vorlesung gegeben.
Germanistik - Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
Universität Siegen
WiSe 2013/14
Priv.-Doz. Dr.
Süselbeck Jan Priv Doz