Uni-Siegen
14. März 2017Literatur und Mediengeschichte der Paranoia
Verschwörung und Paranoia sind spätestens seit der Zeit um 1800 Themen der Literatur. Lässt sich die Verschwörungsvermutung zunächst als Ausdruck neuzeitlicher Kontingenzerfahrungen deuten, so entwickelt sich Paranoia im 19. Jahrhundert sukzessive zu einem zentralen Gegenstand humanwissenschaftlicher Diskurse, insbesondere der Psychiatrie...
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Jetzt Lernplan erstellenVerschwörung und Paranoia sind spätestens seit der Zeit um 1800 Themen der Literatur. Lässt sich die Verschwörungsvermutung zunächst als Ausdruck neuzeitlicher Kontingenzerfahrungen deuten, so entwickelt sich Paranoia im 19. Jahrhundert sukzessive zu einem zentralen Gegenstand humanwissenschaftlicher Diskurse, insbesondere der Psychiatrie und Psychoanalyse. Gleichzeitig bildet der Verschwörungsdiskurs narrative Folien aus, auf Grundlage derer sich die wirklichkeitskonstituierenden Effekte moderner Medientechnik verhandeln lassen. Unter dem Stichwort -Paranoia- wird der Status von symbolischen Repräsentationsformen und Zeichenreferenzialitäten verhandelt. Die Paranoia betrifft gleichermaßen Psycho- wie Politik- und Medienpathologien. Die (vermeintlich) übersteigerte Zeichensensibilität des Paranoikers – nichts ist Zufall, alles hat einen hintergründigen Sinn – hat aufgrund der immer schon implizierten Darstellungs- und Inszenierungsproblemen eine große Faszination auf Literaten und Filmemacher ausgeübt, Paranoia ist dementsprechend zu einem wichtigen Erzählanlass gesellschafts- und machtkritischer Narrationen geworden.
Das Seminar will sich vor diesem Hintergrund aus literatur- und medientheoretischer Sicht mit solchen, unter dem Deutungsmuster -Paranoia- verhandelten, vertigos of interpretation auseinandersetzen. Dabei wird es um zwischen Faszination und Kulturkritik osszilierende Erzähltexte des 19. Jahrhunderts (Edgar Allan Poe, Guy de Maupassant, Alfred Döblin, Georg Heym) ebenso gehen, wie um die paradigmatisch gewordene Paranoia des Gerichtspräsidenten Daniel Paul Schreber mitsamt ihrer ästhetischen Voraussetzungen und theoretischen Folgen. Diese sind nicht nur psychoanalytischer (Sigmund Freud), sondern auch kultur- und politikgeschichtlicher Art, denn von Elias Canetti über Gilles Deleuze und Félix Guattari bis zu Eric Santner ist Schrebers Paranoia immer wieder auch als ein System protofaschistischer phantasmatischer Strukturen gelesen worden. Abschließend soll auch die medientheoretische Deutung der paranoischen Vernunft in den USA der 1960er Jahre (Thomas Pynchon) und ihre Politisierung im New-Hollywood-Kino der 1970er Jahre und im Gegenwartskino Thema des Seminars sein. Um die Funktionslogik des hier analysierten us-amerikanischen paranoid style of politics richtig zu verstehen, ist zudem ein Rückbezug auf die poetologische Dimension des Verschwörungsdenkens hilfreich, wie sie in Slavoj Zizeks Nachdenken über -retroaktive Performativität- profiliert wurde.
Anzuschaffen und vor Seminarbeginn zu lesen ist: Daniel Paul Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, Berlin 2003.
Weitere Texte werden in Form eines Readers zum Download via moodle zu Verfügung gestellt.
Germanistisches Seminar
Universität Siegen
20122 WiSe 2012/13
Dr.
Koch Lars