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14. März 2017Marieluise Fleißer und die neue Frau der 1920er Jahre
Obwohl sie aus kleinbürgerlichem Milieu und der bairischen Provinz stammte, wurde Marieluise Fleißer (1901-1974), die nach dem frühen Tod ihrer Mutter ab 1920 in München studieren durfte, unter männlicher Mentorschaft zu einer der wenigen Dramatikerinnen der Weimarer Republik. Während Lion...
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Jetzt Lernplan erstellenObwohl sie aus kleinbürgerlichem Milieu und der bairischen Provinz stammte, wurde Marieluise Fleißer (1901-1974), die nach dem frühen Tod ihrer Mutter ab 1920 in München studieren durfte, unter männlicher Mentorschaft zu einer der wenigen Dramatikerinnen der Weimarer Republik. Während Lion Feuchtwanger den expressionistischen Stil ihrer frühen Prosa in Richtung 'Neue Sachlichkeit' (vgl. Irmgard Keun, Vicky Baum usw.) umzuorientieren versuchte, regte Bertolt Brecht sie zum Schreiben gesellschaftskritischer 'Volksstücke' an, deren Konfliktstoff sie der eigenen Erfahrung entnahm und deren 'arme' unterschwellig sexualisierte Sprache sich in ihrer triebhaften Gewalt und kommunikativen Hilflosigkeit (Unsagbares, Missverständnisse usw.) selbst entlarvt, ähnlich wie bei Ödon von Horváth. Dabei stehen geschlechtliche Machtverhältnisse im Mittelpunkt. Brecht ließ jedoch die Berliner Inszenierung des zweimal umgeschriebenen Stücks Pioniere in Ingolstadt (1929), in dem naive Dienstmädchen von jungen Soldaten verführt werden, zu einem Skandal ausarten, der der jungen Autorin sowohl das Leben in der Metropole als auch die Rückkehr in ihre 'beleidigte' Heimatstadt unmöglich machte. Insofern entsprach Fleißers damalige Existenz dem Leitbild der 'Neuen Frau' nur bedingt, bezog es sich doch vor allem auf jene jungen ledigen Angestellten (vgl. die zeitgenössische soziologische Studie von Siegfried Kracauer), die ihre ökonomische Unabhängigkeit in ihrem modischen Habitus ausdrückten, mit Bubikopf und kurzem Rock sowie Verzicht aufs Korsett als emanzipatorischer Geste. Obgleich Frauen nach dem Ersten Weltkrieg vor allem im städtischen Kontext vermehrt Zugang zu höherer Bildung erhalten hatten, blieb ihre Erwerbstätigkeit meist dem Ziel ehelicher Partnerschaft untergeordnet. Auch Fleißer, die in ihrem erfolgreichen Roman -vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen- (1931) die Mehlreisende Frida Geier als kesse Handelsvertreterin mit eigenem Auto inszeniert hatte, konnte sich als 'freie' Schriftstellerin nicht halten und heiratete - unter dem zusätzlichen Druck des NS-Regimes - einen ihr intellektuell unterlegenen Jugendfreund, der sie zur Arbeitskraft (in seinem Zigarettenladen) funktionalisierte. Erst nach seinem Tod (1958) begann 'die Fleißerin' wieder zu schreiben, rechnete satirisch mit der einstigen männlichen Avantgarde ab und wurde in den 1970er Jahren von '68er'-Theater- und Filmemachern wie Rainer Werner Fassbinder oder Martin Sperr nicht nur begeistert wieder entdeckt, sondern auch ein wenig ausgebeutet.
Voraussetzung für die Teilnahme am Kurs ist die Bereitschaft zur Pflichtlektüre und zur Übernahme eines Referats. Als gelesen vorausgesetzt werden folgende Texte von Marieluise Fleißer: -Abenteuer aus dem Englischen Garten-, -Ein Pfund Orangen-, -Eine Zierde für den Verein- und die beiden Fassungen des Dramas -Pioniere in Ingolstadt- (1929, 1968).
Primärliteratur:
- Fleißer, Marieluise: Gesammelte Werke. Hg. von Günther Rühle. Ffm.: Suhrkamp 1972, 1. Bd.: Pioniere in Ingolstadt (1929, 1968); 2. Bd.: Eine Zierde für den Verein (überarbeitete Fassung des Frida-Geier-Romans von 1972) u.a.; 3. Bd.: Erzählungen wie z.B. -Abenteuer aus dem Englischen Garten-, -Ein Pfund Orangen-, -Frigid-, -Avantgarde- usw.; 4. Bd.: Aufsätze, z.B. zum -dramatischen Empfinden bei den Frauen-, zu Brecht, Fassbinder usw.
- dies.: Briefwechsel 1925-1974. Hg. v. G. Rühle. Suhrkamp 2001
Sekundärliteratur:
- Tax, Sissi: marieluise fleißer. Schreiben, überleben. ein biographischer versuch. Basel/Ffm.: Stroemfeld/ Roter Stern 1984
- Sauer, Jutta: -Etwas zwischen Männern und Frauen-. Die Sehnsucht der M. Fleißer. Köln: Papyrossy 1991
- Sondernummer 64 von Text + Kritik, hg. v. H.L. Arnold (1979)
- Müller, Marie E. / Vedder, Ulrike (Hg.): Reflexive Naivität. Zum Werk M. Fleißers. Berlin: Erich Schmidt Vlg. 2000
- Hartenstein, Elfi/Hülsenbeck, Annette: M. Fleißer. Ein Leben im Spagat. Berlin 2001
- Führich, Angelika: Aufbrüche des Weiblichen im Drama der Weimarer Republik. Brecht - Fleißer - Horváth - Gmeyer. Heidelberg 1992
- Gleichauf, Ingeborg: Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jhs. und der Gegenwart. Berlin: Aviva 2003, S. 48-60
- Stephan, Inge: -Zwischen Provinz und Metropole. Zur Avantgarde-Kritik von M. Fleißer-. In: dies./ Weigel, Sigrid (Hg.), Weiblichkeit und Avantgarde. Berlin/Hamburg: Argument Vlg. 1987
- Cocalis, Susan L.: -Weib ohne Wirklichkeit, Welt ohne Weiblichkeit. Zum Selbst-, Frauen- und Gesellschaftsbild im Frühwerk M. Fleißers-. In: Irmela von der Lühe (Hg.), Entwürfe von Frauen in der Literatur des 20. Jhs. Berlin: Argument Sonderband 92 (1982), S. 64-86
- Lee, Jeong-Jun: Tradition und Konfrontation. Die Zusammenarbeit von M. Fleißer und Bert Brecht. Ffm. u.a.: Peter Lang Vlg. 1992
- Kaus, Gina: -Die Frau in der modernen Literatur- (1929). In: Kaes, Anton (Hg.), Weimarer Republik. Manifeste u. Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933. Stuttgart: Metzler 1983, S. 346-349
- Brod, Max: -Die Frau und die neue Sachlichkeit-, in: ebd., S. 346-351
- Veth, Hilke: -Literatur und Frauen-. In: Weyergrad, Bernd (Hg.), Literatur der Weimarer Republik 1918-1933. München/Wien: dtv 1995, S. 446-483
- Soltau, Heide: -Moderne Heldinnen. Frauenlektüre als Spiegel weiblichen Seins-. In: von Soden, K./ Schmidt, M. (Hg.), Neue Frauen. Die Zwanziger Jahre. Berlin 1988, S. 20-25
- Freytag, Julia/Tacke, Alexandra (Hg.): City Girls. Bubiköpfe & Blaustrümpfe in den 1920er Jahren. Köln/ Weimar/Wien: Böhlau 2011
- Meyer-Büser, Susanne: Bubikopf und Gretchenzopf. Die Frau der 20er Jahre. Heidelberg: Edition Braus 1995
- Faulstich, Werner (Hg.): Die Kultur der 20er Jahre. Paderborn: W. Fink Vlg. 2008
- Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Suhrkamp 1994
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
WiSe 2012/13
apl. Prof. Dr.
Runte Annette