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14. März 2017Mutterfiguren in der Gegenwartsliteratur
Dieses Seminar versteht sich als Suchprogramm: Gesucht wird nach ‚Mutterfiguren’ im weitesten Sinne (z.B. auch Adoptiv- oder Großmütter) in der aktuellen deutschsprachigen Literatur, besonders aber nach deren ästhetischen Verarbeitungsformen vor sozial- und kulturhistorischem Hintergrund. Der Epochenbegriff ‚Gegenwartsliteratur’, der lexikalisch gern...
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Jetzt Lernplan erstellenDieses Seminar versteht sich als Suchprogramm: Gesucht wird nach ‚Mutterfiguren’ im weitesten Sinne (z.B. auch Adoptiv- oder Großmütter) in der aktuellen deutschsprachigen Literatur, besonders aber nach deren ästhetischen Verarbeitungsformen vor sozial- und kulturhistorischem Hintergrund. Der Epochenbegriff ‚Gegenwartsliteratur’, der lexikalisch gern auf Werke nach der ‚Wende’ (1989) eingegrenzt wird, umfasst ein breites Spektrum literarischer Produktionen, von ‚Singletexten’ über Globalisierungsnarrative bis zum ‚post-postdramatischen’ Theater. Hier soll sich die Materialauswahl vornehmlich auf Romane (und ggf. Theaterstücke) von Autorinnen seit den 1980er Jahren beziehen, insofern sie die Mutterschafts- bzw. Mütterlichkeits-Problematik in einer ‚postmodernen’ Gesellschaft thematisieren, etwa im Kontext destrukturierter ‚patchwork’-Familien (Marlene Streeruwitz), apokalyptischer Katastrophen-Horizonte (Sibylle Berg) oder virulenter Identitätskrisen (z.B. Felicitas Hoppe). Ob es sich dabei um eine Abrechnung mit der ‚68er-Generation’ (Zoe Jenny, Helene Hegemann), um einen pessimistischen Blick auf den Neo-Liberalismus (Berg) oder um ein neues Leitbild männlicher Fürsorge (Streeruwitz) handelt, wie das Feuilleton weismacht, hängt grundlegend von den ästhetischen Verfahren ab, die in einer Art intertextuellen Bezugsspiels virtuos eingesetzt werden, so etwa in Form einer diskurstheoretisch fundierten Satirik bei Elfriede Jelinek, deren multiperspektivischer Ironisierung bei Sibylle Berg oder mithilfe einer assoziativ fragmentierten Syntax bei Marlene Streeruwitz, womit sie sich auch gegen ein ‚essentialistisches’ Verständnis ‚weiblichen Schreibens’ richtet (vgl. die Frankfurter Poetikvorlesungen). Zu fragen wäre also nicht nur, was erzählt wird, sondern wie erzählt wird, d.h. analysiert werden sollen narrative, rhetorische, modale u. a. sprachlich-poetische Prozesse bzw. deren Lektüre-Effekte. Dass dabei ggf. Texte mit traditioneller wirkenden Schreibweisen (z.B. Judith Hermann, Tanja Dückers) als Kontrastfolie dienen könnten, wenn auch nicht unbedingt unter den Vorzeichen eines ‚Fräuleinwunders’, wäre ebenso möglich wie ein vergleichender Einbezug aktueller frauenspezifischer Trivialliteratur (z.B. Kerstin Gier). - Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und der eventuellen Übernahme eines Referats sowie die Verpflichtung, die mit einem Sternchen (*) markierten Materialien bei Semesterbeginn bereits gelesen zu haben.
Primärliteratur:
- * Jenny, Zoe: Das Blütenstaubzimmer. Roman. Ffm.: Frankfurter Verlagsanstalt 1997
- Hegemann, Helene: Axolotl Roadkill. Roman. Berlin: Ullstein ²2010
- Dückers, Tanja: -Maremagnum-. In: Café Brazil. Erzählungen. Berlin: Aufbau 2002, S. 128-141
- Hermann, Judith: -Ende von Etwas-. In: Sommerhaus, später. Erzählungen [1998]. Fischer: 14. Aufl. 2003, S. 85-97
- Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. Roman. Rowohlt 1983
- * Streeruwitz, Marlene: Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre [1996]. Fischer: 2002
- Dies.: Partygirl. Roman. Ffm.: Fischer 2002
- Dies.: Die Schmerzmacherin. Roman [2011]. Ffm.: Fischer 2014
- * Berg, Sibylle: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Roman [1997]. Stuttgart 2008
- Dies.: Ende gut. Roman [2004]. Reinbek bei Hamburg: 2005
- Hoppe, Felicitas: Hoppe. Roman. Ffm.: Fischer 2012
- Hahn, Anna Katharina: Kürzere Tage. Roman. Ffm.: Suhrkamp 2009
- Gier, Kerstin: Die Mütter-Mafia. 2005
Sekundärliteratur:
- Schmidt, Ricarda: -Die böse Mutter. Zur Ästhetik sadomasochistischer Mutter-Tochter-Beziehungen in literarischen Texten aus dem Kontext der Frauenbewegung-. In: Ingeborg Roebling/Wolfram Mauser (Hg.): Mutter und Mütterlichkeit. Wandel und Wirksamkeit einer Phantasie in der deutschen Literatur. Festschrift für Verena Ehrich-Haefeli. Würzburg: Königshausen & Neumann 1996, S. 347-359
- Runte, Annette: -Postfeministisches Schreiben? Zu Elfriede Jelineks satirischer Prosa.- In: Dies., Lesarten der Geschlechterdifferenz. Studien zur Literatur der Moderne [2002]. Bielefeld: Aisthesis 2005, S. 275-303
- Streeruwitz, Marlene: Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen. Frankfurter Poetikvorlesungen. Suhrkamp 1998
- Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Marlene Streeruwitz. München 2004 (Text + Kritik)
- Bong, Jörg u.a. (Hg.): -Aber die Erinnerung davon”. Materialien zum Werk von Marlene Streeruwitz. Ffm.: Fischer 2007
- Link, Jürgen: -Immer nach Süden. (Nicht) normale Fahrten über die Grenzen von Normalitätsklassen (mit einem Blick auf Sibylle Berg, Gustave Le Clézio und Güney Dal)-. In: Amann, Wilhelm/Georg Mein/Rolf Parr (Hg.), Globalisierung und Gegenwartsliteratur. Konstellationen, Konzepte, Perspektiven. Heidelberg: Synchron 2010
- Kernmayer, Hilde (Hg.): Schreibweisen Poetologien 2. Zeitgenössische österreichische Literatur von Frauen. Milena Vlg. 2010 (Feminist. Theorie, Bd. 45)
- Volkmann, Maren: Frauen und Popkultur. Feminismus, Cultural Studies, Gegenwartsliteratur. Posth Vlg. 2011
- Köppert, Anusch: Sex und Text. Zur Produktion/Konstruktion weiblicher Sexualität in der Gegenwartsliteratur von Frauen um 2000. Stauffenburg Vlg. 2012
- Dreysse, Miriam: Mutterschaft und Familie. Inszenierungen in Theater und Performance. Bielefeld: transcript 2015
- Mayer, Susanne/Dietmar Schulte (Hg.): Die Zukunft der Familie. München: Fink 2007
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