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Uni-Siegen
14. März 2017

Mythos als Geschichte Elisabeth Länggässer und Cordelia Edvardson

Vor dem Hintergrund der Shoah erscheint die (auto-)biographisch wie literarisch artikulierte Beziehung zwischen der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer (1899-1950) und ihrer unehelichen Tochter Cordelia Edvardson (1929-2012), deren Vater ein jüdischer Intellektueller war, als eine unerhört ‚tragische’ Verstrickung. Die heute weitgehend vergessene...

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Vor dem Hintergrund der Shoah erscheint die (auto-)biographisch wie literarisch artikulierte Beziehung zwischen der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer (1899-1950) und ihrer unehelichen Tochter Cordelia Edvardson (1929-2012), deren Vater ein jüdischer Intellektueller war, als eine unerhört ‚tragische’ Verstrickung. Die heute weitgehend vergessene Autorin, die der katholischen ‚Erneuerungs-Bewegung’ angehörte, aber auch von nationalsozialistischen Ideologien beeinflusst wurde, blieb in ihrem Erzählwerk jener ‚mythomimetischen’ Erzählweise treu, dank derer das narrative Muster ihres ersten Romans, Proserpina (1926 ff., publ. 1931), eine nachträgliche Rechtfertigung für das spätere Schicksal ihres ältesten Kindes lieferte. Dass die ‚Halbjüdin’ Langgässer die Deportation Cordelias, die das Vernichtungslager Auschwitz als junges Mädchen überlebte, nicht zu verhindern vermochte, darf als ein ‚asymmetrisches’ Trauma gewertet werden, das von Mutter und Tochter auf verschiedene Weise erlebt und nachträglich in einem scheiternden Dialog ‚um(ge)schrieben’ wurde. Wenn sich Langgässers Werk diskurshistorisch am Schnittpunkt von Mythos, Mystik und ‚magischem Realismus’ situiert, bleibt es in seinen konstitutiv allegorischen Strukturen einem heilsgeschichtlichen Horizont verpflichtet (vgl. Märkische Argonautenfahrt, 1950). Wie aus der umfangreichen Korrespondenz hervorgeht, wirkte sich der Einbruch des Faschismus in den familiären Alltag ebenso fatal aus wie die mütterliche Verdrängung der töchterlichen Leiden nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst Jahrzehnte nach dem Tod Elisabeth Langgässers konnte sich die zunächst ins schwedische Exil gelangte und dann nach Israel ausgewanderte Cordelia Edvardson mit ihrer Rolle als ‚auserwähltes Opfer’, auch des literarischen Parasitentums ihrer in der Nachkriegszeit schnell berühmt gewordenen Mutter, in einem autobiographischen Roman Gebranntes Kind sucht das Feuer (schwed. 1984, dt. 1986) und essayistischen Selbstreflexionen auseinander setzen. In diesem Seminar sollen anhand der Verschränkung lebensgeschichtlicher mit fiktionalen Verarbeitungsformen des ‚Unsagbaren’ vor allem die engen Korrelationen zwischen Nationalsozialismus, Antisemitismus und Geschlechterdifferenz untersucht werden, wobei der Versuch einer psychoanalytischen Lesart der Mutter-Tochter-Beziehung auf der Folie des Holocaust im Zentrum stehen wird. Voraussetzung für die Teilnahme sind die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und der Übernahme eines (Gruppen-)Referats. Elisabeth Langgässers Roman ‚Proserpina’ wird bereits in der ersten Sitzung als gelesen vorausgesetzt. Primärliteratur: Langgässer, Elisabeth: Proserpina [ungekürzte Ausgabe von 1949]. Ullstein 1982 Dies.: Märkische Argonautenfahrt [1950]. Ullstein 1981 Dies.: Briefe 1924-1950. [ungekürzte Ausgabe]. 2 Bde. Classen 1990 Edvardson, Cordelia: Gebranntes Kind sucht das Feuer [schwed. Orig. 1984]. Dtv 1989 Dies.: Die Welt zusammenfügen [1988]. Hanser 1989 Sekundärliteratur (Auswahl): Hilzinger, Sonja: Elisabeth Langgässer. Eine Biographie. Berlin: vbb 2009 Fliedl, Konstanze: Zeitroman und Heilsgeschichte. ‚Märkische Argonautenfahrt’. New academic press 1986 Dörr, Volker C.: Mythomimesis. Mythische Geschichtsbilder in der westdeutschen (Erzähl-) Literatur der frühen Nachkriegszeit (1945-1952). Erich Schmidt Vlg. 2004 Stephan, Inge: Musen und Medusen. Mythos und Geschichte in der Literatur des 20.Jhdts. Böhlau 1997 Koonz, Claudia: Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich. Rowohlt 1994 Schnell, Ralph: -’Holocaust-Literatur’ als Generationen-Problem-. In: Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 120 (2000), S. 108-130 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2015/16 apl. Prof. Dr. Runte Annette