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Uni-Siegen
14. März 2017

Mythos Galizien Deutschsprachige und jüdische Literatur aus dem alten Ostmitteleuropa

Das geographische und politische Konstrukt

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Das geographische und politische Konstrukt 'Galizien', ein 1772-1919 der Donaumonarchie einverleibter Landstrich, der von Westpreußen bis zur Ukraine und im Süden bis nach Rumänien reichte, ist aufgrund seiner multikulturellen Geschichte längst zum modernen Mythos geworden. Obwohl dort Polen, Ruthenen, Deutsch-Österreicher, Ungarn, Juden und andere Volksgruppen meist friedlich koexistierten, zumal das sich weniger als Nationalstaat denn als dynastische Herrschaft verstehende 'Haus Habsburg' ethnische Vielfalt tolerierte, kam es Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt zu Konflikten, insbesondere im Kontext von Nationalismus und Antisemitismus. Doch bereits vorher hatte die spezifische Lebensform der seit dem Mittelalter in Polen angesiedelten 'Ostjuden', der selbstexklusive Rückzug in eine relativ geschlossene 'Shtetl'-Kultur religiös geprägter Gemeinschaften, Anlass zu einer Fülle von Vorurteilen und Stereotypen gegeben. Zwischen 'zivilisiertem' Westen und 'barbarischem' Osten imaginiert, wurde das an der Peripherie Europas gelegene Grenzland Galizien, das im 20. Jahrhundert zum Ort der Vernichtung wurde, seit dem Zeitalter der Aufklärung zum exotischen Kuriosum stilisiert, zunächst durch halb erfundene Reiseberichte, dann von Ghettogeschichten (z.B. Leopold Kompert) und schließlich durch zahlreiche autobiographische Erinnerungen. In diesem Seminar werden wir ausgewählte Beispiele 'jüdischer' Literatur in deutscher Sprache (oder aus dem Jiddischen übersetzt) untersuchen, vornehmlich aus dem Zeitraum zwischen 1870 und 1930. Dabei stehen Fragen nach Identität und Krise, Migration und Exil sowie Tradition und Moderne im Zentrum. Neben bekannten Autoren wie Karl Emil Franzos, Sacher-Masoch oder Joseph Roth werden auch vergessenere einbezogen, z.B. Alexander Granach, Soma Morgenstern oder Rose Ausländer (aus der Bukowina). - Teilnahmevoraussetzungen sind die Bereitschaft zu umfangreichen Lektüren und zur Übernahme eines Referats. Primärliteratur: Maimon, Salomon: Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben. [1792] Berlin: Aufbau Vlg. 1988 Franzos, Karl Emil: Aus Halb-Asien. Culturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien. 2 Bde. Leipzig ²1878 Von Sacher-Masoch, Leopold: Neue Judengeschichten. Leipzig 1881 Zweig, Arnold: Das ostjüdische Antlitz [1920] Mit Zeichnungen von Hermann Struck. Wiesbaden 1988 Döblin, Alfred: Reise in Polen [1925]. München 1993 Roth, Joseph: Juden auf Wanderschaft [1928]. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1976 Chagall, Marc: Mein Leben. Stuttgart: Hatje Vlg. 1959 Granach, Alexander: Da geht ein Mensch. Autobiographischer Roman. München 2007 Rosenkranz, Moses: Kindheit. Fragmente einer Autobiographie. Aachen: Rimbaud Vlg. 2001 Sekundärliteratur: Pollack, Martin: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Wien 1984 Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden. München: dtv ³1991 Giersch, Paula/Krobb, Florian/Schößler, Franziska (Hg.): Galizien im Diskurs. Inklusion, Exklusion, Repräsentation. Ffm.: Peter Lang 2012 Schütz, Hans J.: -Eure Sprache ist auch meine-. Eine deutsch-jüdische Literaturgeschichte. Zürich/München: Pendo Vlg. 2000 Jasper, Willi: Deutsch-jüdischer Parnass. Literaturgeschichte eines Mythos. Berlin: Propyläen 2004 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2013/14 apl. Prof. Dr. Runte Annette