Uni-Siegen
14. März 2017Nelly Sachs Jüdische Mystik und Exilliteratur
Prof. Dr. Annette Runte SoSe Se 2015 Universität Siegen Nelly Sachs. Jüdische Mystik und Exilliteratur Die Schriftstellerin Nelly Sachs (1891-1970), die einer assimilierten jüdischen Familie aus Berlin entstammte, blieb bis in die 1930er Jahre (vgl. ihr Debüt Legenden und Erzählungen,...
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Nelly Sachs. Jüdische Mystik und Exilliteratur
Die Schriftstellerin Nelly Sachs (1891-1970), die einer assimilierten jüdischen Familie aus Berlin entstammte, blieb bis in die 1930er Jahre (vgl. ihr Debüt Legenden und Erzählungen, 1921) stark von der deutschen Frühromantik, insbesondere Novalis, beeinflusst, und wandte sich erst im schwedischen Exil, vor allem durch die Konfrontation mit der Shoah, moderneren Formen zu. Ihre in diesem Kontext enstandenen Gedichtbände In den Wohnungen des Todes (1943/44) und Sternverdunkelung (1949), die auf die Hermetik Paul Celans verweisen, und Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels sind dabei von der Bibel und von jüdischer Mystik geprägt.
Nelly Sachs, die sich während des NS-Regimes im ‚Jüdischen Kulturbund’ engagiert hatte, gelang es - unter dem wachsenden Druck des nationalsozialistischen Terrors – mit ihrer Mutter, mit der sie seit dem Tod des Vaters zusammenlebte, nach Stockholm zu flüchten, wo sie sich als Übersetzerin (z.B. von Karin Boye) durchschlug und bald Förderer fand, u.a. den Schulreformer Enar Sahlin, den Schriftsteller Johannes Edfelt und die Literatin Gunhild Tegen. Nachdem ihre Lyrik in der BRD nur langsam bekannt geworden war, etwa mit den beiden Gedichtbänden Und niemand weiß weiter (1957) sowie Flucht und Verwandlung (1959), erhielt Nelly Sachs den -Meersburger Droste-Preis für Dichterinnen- (1960) und 1966 den Nobelpreis (mit Samuel Josef Agnon). Doch wie ihr wichtigster Freund, der aus Rumänien vor dem Faschismus geflohene und in Paris angesiedelte Lyriker Paul Celan, dessen bekanntestes Gedicht -Todesfuge- (1944/45) in den deutschen Schulkanon Eingang fand, wurde die Überlebende von Krankheit und Verfolgungsängsten heimgesucht, bevor sie 1970, kurz nach dem Selbstmord Celans, an Krebs starb.
Schwierig erscheint ihr Werk vielleicht auch deshalb, weil es das ‚Unsagbare’ zu artikulieren versucht. In seiner Nachträglichkeit, d.h. paradoxen Zeitlichkeit, stellt das Trauma die Frage nach seiner Darstellbarkeit, der sich Sachs’ anti-mimetisches Schreiben mit poetologischen, etwa narrativen und rhetorischen Verfahren der (Ent-)Mythisierung, Veruneindeutigung oder Simultansetzung nähert (vgl. Bezzel-Dischner 1970). In der durch Gershom Scholem vermittelten Lesart der Kabbala und des ‚pantheistischen’ Chassidismus verbindet sich die durch die Shoah radikalisierte historische Sprachskepsis mit einer -wortmystischen Tradition- (Lehmann 1999), die die romantische ‚Transzendentalpoesie’ (Friedrich Schlegel) religiös überschreitet, sich zugleich aber auch vom jüdischen Messianismus entfernt. Wenn ‚Eingedenken’ im Sinne Walter Benjamins die von ‚Vergessen als einem Gegen-Erinnern gespannte Erinnerung’ meint, ist sie bei Nelly Sachs zu einem ‚Durchschmerzen’ geworden. Lässt sich das Exil - nach Dörte Bischoff - als eine ‚Entortungserfahrung’, vor allem der Sprache, verstehen, soll es in diesem Seminar um deren Spuren gehen.
Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zu ‚intensiver’ Lektüre und der Übernahme eines Referats. Anzuschaffen ist das Buch Das Leiden Israels [...] von Nelly Sachs (Suhrkamp 1996, s.u.). Das Mysterienspiel -Eli- (S. 6-67) und -In den Wohnungen des Todes- (S. 69-107) sollen zu Semesterbeginn gelesen sein.
Primärliteratur (Auswahl):
- Nelly Sachs: Das Leiden Israels. Eli. In den Wohnungen des Todes. Sternverdunkelung. Nachwort von Werner Weber. [1. Aufl.: 1964] Ffm.: Suhrkamp 1996 (es Nr. 3307, Sonderausgabe)
- Briefe der Nelly Sachs. Hg. von Ruth Dinesen u. Helmut Müssener. Ffm.: Suhrkamp 1984
- Paul Celan: Eingedunkelt. Gedichte. [1. Aufl.: 1968]. Hg. von Bertrand Badiou und Jean-Claude Rambach. Ffm.: Suhrkamp ³1992
- Paul Celan/Nelly Sachs: Briefwechsel. Hg. von Barbara Wiedemann. Suhrkamp 1993
- Ders.: Mohn und Gedächtnis. Gedichte. [1952]. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1970 (9. Aufl.)
Sekundärliteratur (Auswahl):
- Dinesen, Ruth: Nelly Sachs. Eine Biographie [1991]. Aus dem Dänischen von Gabriele Gerecke. Ffm.: Suhrkamp 1992
- Bezzel-Dischner, Gisela: Poetik des modernen Gedichts. Zur Lyrik von Nelly Sachs. Bad Homburg u.a.: Gehlen Vlg. 1970
- Lehmann, Annette Jael: Im Zeichen der Shoah. Aspekte der Dichtungs- und Sprachkrise bei Rose Ausländer und Nelly Sachs. Tübingen: Stauffenburg 1999
- Beil, Claudia: Sprache als Heimat. Jüdische Tradition und Exilerfahrung in der Lyrik von Nelly Sachs und Rose Ausländer. Tuduv 1991
- Grittner, Sabine: -Aber wo Göttliches wohnt – die Farbe ‚Nichts’-. Mystik-Rezeption und mystisches Erleben im Werk der Nelly Sachs. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 1999
- Rospert, Christine: Poetik einer Sprache der Toten. Studien zum Schreiben von Nelly Sachs. Bielefeld: transcript 2004
- Scholem, Gershom: Studien zur jüdischen Mystik. Judaica 3. Ffm.: Suhrkamp 1987
- Grözinger, Karl (Hg.): Judentum im deutschen Sprachraum. Ffm.: Suhrkamp 1991 (bes. die Artikel von J. Dan, I.J. Yuval, K.E. Grözinger)
- Schulte, Christoph (Hg.): Deutschtum und Judentum. Ein Disput unter Juden aus Dtschld. Reclam 1993, bes. S. 70-79, 138-162, 177-202
- Speier, Hans-Michael (Hg.): Interpretationen. Gedichte von Paul Celan. Stuttgart: Reclam 2002
- Schnell, Ralf: -’Holocaust’-Literatur als Generationen-Problem-. In: Lili. Zeitschrift für Literatur und Linguistik, 120 (2000), S. 108-130
- Weber, Elisabeth/Georg Christoph Tholen (Hg.): Das Vergessen(e). Anamnesen des Undarstellbaren. Wien: Turia + Kant 1997
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
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