Uni-Siegen
14. März 2017Gute Mutter böse Mutter Mutterfiguren in Film und Literatur
Prof. Dr. Annette Runte SoSe 2015 Universität Siegen ‚Gute Mutter, böse Mutter’. Mutterfiguren in Film und Literatur Das Thema der Mutterschaft bzw. Mütterlichkeit als kulturhistorischem Konstrukt (vgl. Elisabeth Badinter 1980) spielte in neofeministischen Debatten seit den 1970er Jahren eine ebenso...
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‚Gute Mutter, böse Mutter’. Mutterfiguren in Film und Literatur
Das Thema der Mutterschaft bzw. Mütterlichkeit als kulturhistorischem Konstrukt (vgl. Elisabeth Badinter 1980) spielte in neofeministischen Debatten seit den 1970er Jahren eine ebenso große Rolle wie die komplexe Problematik der Mutter-Tochter-Beziehungen. Nachdem zunächst die Abgrenzung von mütterlichen Lebensentwürfen im Vordergrund gestanden hatte, vor allem aus sozialpsychologischer Perspektive (z.B. Nancy Chodorow 1978), machte sich in den 1980er Jahren die zunehmende Anerkennung einer ‚symbolischen’ Mutterfunktion bemerkbar, und zwar insbesondere durch die Rezeption eines von Luce Irigaray angestoßenen Alteritätsdenkens der Geschlechter. Stellt die Mutter den ersten Anderen dar, der das Subjekt in die Sprache einführt, bedarf es jedoch, Julia Kristeva zufolge, eines symbolischen ‚Muttermords’, um zum Modus einer durchaus lustvollen ‚Sublimation’ (Freud), d.h. der kreativen Ablenkung sexueller Triebe auf kulturelle Ziele, zu gelangen (vgl. Runte 2010).
Die Geschichte der modernen Literatur wie auch des Films zeigt, in welchem Maße sich insbesondere Mutter-Tochter-Beziehungen konfliktuös und krisenhaft gestalten. Wenn kindliche Fantasmen über die ‚allmächtige Mutter’ als wichtigster ‚Bezugsperson’ von einer grundlegenden Ambivalenz zeugen, die deren phallische Imago mit potentieller Destruktivität auflädt, entspricht diese Doppeldeutigkeit nicht nur der abendländischen Tradition einer ‚Spaltung der Weiblichkeit’ (Madonna/Hure bzw. Hexe usw.), sondern auch einer symbiotischen Spannung zwischen Zweikampf und Idylle, Dual und Duell.
In diesem Seminar, das sich vorrangig der filmischen Inszenierung von Mutter-Tochter-Verhältnissen widmen soll, werden begleitend auch deren literarische (Re-)Präsentationen in der Moderne herangezogen. Gedacht ist z.B. an paradigmatische Gedichte (Annette von Droste-Hülshoff, Else-Lasker-Schüler, Nelly Sachs und – zum Vergleich: Rainer Maria Rilke) sowie Prosatexte, etwa die Romane von Franziska von Reventlow (Ellen Olestjerne, 1925), Gertrud Kolmar (Die jüdische Mutter, 1930/31), Karin Struck (Die Mutter, 1975), Elfriede Jelinek (Die Klavierspielerin, 1983) oder Zoe Jenny (Das Blütenstaubzimmer, 1997). Eine Auswahl wird zu Anfang des Semesters getroffen. - Die Untersuchung unterschiedlicher Spielfilme, die sich mit zwiespältigen Mutterfiguren befassen, orientiert sich an filmwissenschaftlichen Studien, die das heterogene Material historisch bzw. systematisch zu erfassen und methodisch adäquat zu analysieren erlauben. Dabei wird u.a. zu fragen sein, inwiefern sich Korrelationen zwischen ‚Gender’ und ‚Genre’, etwa der postulierte Zusammenhang von Hysterie und Melodrama (Brauerhoch 1996), mithilfe der Begriffe der feministischen Filmtheorie (Laura Mulvey u.a.) weiter denken lassen.
Teilnahme-Voraussetzung ist die Bereitschaft zur Übernahme eines Referats. Das unten angegebene Buch von Werner Faulstich (zur Spielfilm-Analyse) soll bis zum Semesterbeginn gelesen sein.
Spielfilme (Auswahl):
King Vidor: Stella Dallas (USA 1937); Luchino Visconti: Bellissima (Italien 1951); Alfred Hitchcock: Marnie (Großbritannien 1958); Ingmar Bergman: Herbstsonate (Schweden u.a. 1978); Frank Perry: Mommie Dearest (USA 1981); Woody Allen: Oedipus Wrecks [New York Stories] (USA 1989); Pedro Almodóvar: High Heels (Spanien 2005); ders.: Volver (Spanien 2009); Darren Aronofsky: Black Swan (2010); Hanna Dose: Staub auf unseren Herzen (Deutschland 2013)
Sekundärliteratur (Auswahl):
- Brauerhoch, Annette: Die gute und die böse Mutter. Kino zwischen Melodram und Horror. Marburg: Schüren Vlg. 1996
- Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino I. Ffm.: Suhrkamp 1989
- Ders.: Das Zeit-Bild. Kino 2. Ffm.: Suhrkamp 1997
- Faulstich, Werner: Die Filminterpretation [1988]. Göttingen: Vandenhoeck ²1995
- Rosen, Marjorie: Popcorn-Venus. Cowrd, Mc Cann, Geoghehan 1993
- Maurer Queipo, Isabel: Die Ästhetik des Zwitters im filmischen Werk von Pedro Almodóvar. Ffm.: Vervuert 2005
- Runte, Annette: Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen. Ffm. u.a.: Peter Lang 2010, S. 141-177
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
SoSe 2015
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