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Uni-Siegen
14. März 2017

Networking und Gender

Netzwerke von Männern haben lange Tradition: Burschenschaften, in denen so genannte Alte Herren studentischen Mitgliedern tatkräftig (nicht nur) bei der Stellensuche unter die Arme greifen, Logen wie die Freimaurer und Männerbünde, deren Anfänge sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen, aber...

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Netzwerke von Männern haben lange Tradition: Burschenschaften, in denen so genannte Alte Herren studentischen Mitgliedern tatkräftig (nicht nur) bei der Stellensuche unter die Arme greifen, Logen wie die Freimaurer und Männerbünde, deren Anfänge sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen, aber auch Seilschaften unter Managern, die sich gegenseitig ins Boot hieven und mit attraktiven Jobs versorgen. Heterosexuelle Frauen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transidenten haben erst seit einiger Zeit die Bedeutung und den Nutzen von Netzwerken erkannt. Sie haben begonnen, sich auf vielfältige Weise zu vernetzen - im realen Leben wie auch virtuell. Dabei haben Netzwerke vielfältige Funktionen, sie helfen bei der Wohnungssuche, unterstützen Gruppen beim ehrenamtlichen Engagement, vermitteln wichtige Hilfeleistungen im privaten Bereich oder führen bei der Jobsuche zum Erfolg. Im Seminar werden die wichtigsten Netzwerke im Zusammenhang mit dem Thema gender vorgestellt, z.B. Netzwerke von heterosexuellen, lesbischen und schwulen Unternehmerinnen und Unternehmern, Freiberuflerinnen, Journalistinnen und Journalisten etc. Von Bedeutung in diesem Kontext sind auch Coaching-Programme und Business Angels bzw. Mentorinnen oder Mentoren, die beispielsweise junge Frauen bei ihren ersten Karriereschritten beraten. Wenn im Mittelpunkt der oben genannten Netzwerke eine gemeinsame Praxis existiert, spricht die Sozialforschung von einer Mitgliedschaft in Praxisgemeinschaften (communities of practice). Dies kann ein Sportverein, aber auch ein gemeinsam besuchter chatroom sein. Entscheidend dabei ist die gemeinsam ausgeübte Tätigkeit, die Praxis. Jede Mitgliedschaft in einer dieser Praxisgemeinschaften bedeutet, Sozialkapital (social capital) anzuhäufen, das zur Erreichung bestimmter Ziele eingesetzt werden kann, z.B. um einen Job zu finden. Im Seminar erfolgt deshalb zunächst eine Potenzialanalyse: - Welchen Netzwerken gehöre ich an? (z.B. Schule, Universität, Vereine, Hobbys etc.) - Wie kann ich meine bereits bestehenden Netzwerk-Kontakte besser nutzen, um meine Ziele zu erreichen? (z.B. um einen Praktikumsplatz oder einen Job zu bekommen) - Und wie pflege ich bestehende Kontakte? Die Stärke schwacher Beziehungen In einem weiteren Schritt werden die Untersuchungen von Mark Granovetter, Soziologe an der Stanford-Universität, vorgestellt. Er stieß in einer der ersten Netzwerkstudien zur beruflichen Mobilität auf die so genannte Stärke schwacher Beziehungen. Relevante Informationen über eine offene Stelle erhielten Personen seltener von engen Freunden als vielmehr von flüchtigen Bekannten. Daraus folgt auch, dass es generell gilt, offen zu sein und Gelegenheiten beim Schopfe zu packen. Beispiel: Ich sitze im Zug neben einer Person, an deren Notebook ein Sticker einer US-amerikanischen Universität klebt, an der ich immer schon einmal studieren wollte. Ich beginne ein Gespräch (die Aufnahme des Kontaktes wird im Seminar nachgespielt) und habe u.U. einen wertvollen Tipp für das von mir geplante Auslandssemester in der Tasche. Oder: Ich gehe auf eine internationale Konferenz und komme am zweiten Tag mit einem Vertrag für ein interessantes Projekt in meinem Fachgebiet nach Hause. Wie es funktioniert, wird im Seminar verraten. Neben diesen praktischen Tipps und theoretischen Grundlagen zum Thema networking ist wichtiger Bestandteil des Seminars die Auseinandersetzung mit gängigen Geschlechtsrollenstereotypen, z.B.: - Reagieren Frauen wirklich emotionaler als Männer, sind sie tatsächlich Spezialistinnen in Sachen soziale Kompetenz? Wird mit diesen Zuschreibungen nicht auch versucht, Frauen von bestimmten, mit Ausübung von Macht verbundenen Positionen fernzuhalten, in denen angeblich männliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen wie analytisches Denken, Durchsetzungsvermögen und Härte verlangt werden? - Wenn eine Frau sich durchsetzt, ist sie dann gleich unweiblich oder männlich? Oder ist dies nur ein Versuch, von ihren Fähigkeiten abzulenken? Des Weiteren beschäftigt sich das Seminar u.a. mit folgenden Fragen im Zusammenhang mit den Themen gender und networking: - Sind genderspezifische bzw. -sensible Spezialnetzwerke (z.B. Netzwerke lesbischer Unternehmerinnen) wichtiger, oder sollte versucht werden, Genderaspekte in die allgemeinen, ggf. homophoben/frauenfeindlichen Netzwerke einzubringen? - In manchen Bereichen (z.B. Informatik, Mathematik, Natur- und Ingenieur­wissenschaften) arbeiten fast keine Frauen. Auch wenn bei der Stellenausschreibung Frauen ausdrücklich aufgefordert werden, sich zu bewerben, bleibt der Prozentsatz der Bewerberinnen gering. Würde hier ein Netzwerk helfen? - Welche Rolle spielen die work-life-balance und die Forderung nach nahezu unbeschränkter zeitlicher Verfügbarkeit und räumli­cher Mobilität bei der Entscheidung für oder gegen eine Tätigkeit in bisher von Männern dominierten Bereichen, unabhängig davon, ob eine Frau Kinder haben möchte oder nicht? - Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Kann der Halbtags-Vater oder die Halbtags-Mutter noch Karriere machen? Oder wird sie oder er auf eine Stelle ohne Führungsverantwortung und Aufstiegschancen abgeschoben? Gibt es Coaching-Programme und familienfreundliche Betriebe, um hier Verbesserungen zu erreichen? - Was haben die in den USA und europäischen Großkonzernen verbreiteten Diversity-Programme bisher bewirkt? Für die erfolgreiche Teilnahme an der Veranstaltung werden 3 KP vergeben. Von den Studierenden wird die Erarbeitung von Modellprojekten, das Halten von Kurzreferaten, die Beteiligung an Gruppendiskussionen und Gruppenarbeiten sowie die Anfertigung von Protokollen erwartet. - Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008 - Johanna Schaffer: Ambivalenzen der Sichtbarkeit. Über die visuellen Strukturen der Anerkennung. transcript Verlag, Wien 2008 - Lind, Inken (2004): Aufstieg oder Ausstieg? Karrierewege von Wissenschaftlerinnen. Ein Forschungsüberblick (cews.Beiträge Frauen in Wissenschaft und Forschung; No. 2). Bielefeld: Kleine. - Blome, Eva/Alexandra Erfmeier, et al.: Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik: Von der Frauenförderung zum Gendermanagement? Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005 - Bourdieu, P.: The forms of capital, in: J.G. Richardson (ed.): Handbook for Theory and Research for the Sociology of Education, 1985, pp. 241 - 258 - Brown, J. S.; Duguid, P.: Organizational Learning and Communities of Practice: towards a unified view of working, learning and innovation, in Organization Science, Vol. 2, No. 1, 1991, pp. 40 - 57 - Granovetter, Mark, Getting a job. A study of contacts and careers. Chicago: University of Chicago Press. 1995 (2nd ed.) - Wenger, E.: Communities of Practice: Learning, Meaning, and Identity. Cambridge University Press, 1998. - Weyer, Johannes, Soziale Netzwerke. Oldenbourg. 2000 Universität Siegen SoSe 2010 Kompetenzzentrum der Universität Siegen KoSi