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Uni-Siegen
14. März 2017

Organisationen der Gewalt

Das Seminar reflektiert ein doppeltes Interesse: Es ist einerseits theoretisch, andererseits theoriepolitisch motiviert. In einer theoretischen bzw. theoriegeschichtlichen Perspektive fällt auf, dass Gewaltorganisationen in der modernen, betriebswirtschaftlich eingefärbten Organisationssoziologie praktisch keine Rolle spielen, obwohl etwa Max Weber (1985) den historischen...

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Das Seminar reflektiert ein doppeltes Interesse: Es ist einerseits theoretisch, andererseits theoriepolitisch motiviert. In einer theoretischen bzw. theoriegeschichtlichen Perspektive fällt auf, dass Gewaltorganisationen in der modernen, betriebswirtschaftlich eingefärbten Organisationssoziologie praktisch keine Rolle spielen, obwohl etwa Max Weber (1985) den historischen Nährboden bürokratischer Organisation eben nicht (nur) in der Privatwirtschaft, sondern insbesondere in der militärischen Disziplin zu erkennen meinte. (Westliche) Armeen werden bis heute als Prototypen bürokratischer, in ihrem -Geist- formaler und formalistischer Organisation wahrgenommen. Unter gewalt- und kriegstheoretischen Prämissen stellt sich dabei die Frage, wie es überhaupt gelingen kann, Gewalt zu organisieren. Gerade die Gewalt scheint sich ja aufgrund ihrer körperbetonten Eigendynamik und der Außeralltäglichkeit ihres Erlebens einer rationalistischen Formalisierung zu entziehen. Zum einen (oder: zuerst) weckt Gewalt existentielle Ängste und Furcht, die -kompetentes- rationales Handeln zu blockieren vermögen, zum anderen scheint sich mit wiederholter Gewaltausübung ein Lustgewinn einzustellen, welcher sich der Kontrolle des Handelnden und dann auch der Organisation mehr oder weniger entzieht. Vor dem Hintergrund, dass das menschliche Leiden, das Gewaltorganisationen in kriegerischen Konflikten, und hier insbesondere gegenüber der Zivilbevölkerung, verursachen, nach wie vor immens ist, bekommt das Seminarthema eine theoriepolitische Dimension. Man denke etwa an die jüngsten Massaker der ugandischen LRA an der ostkongolesischen Zivilbevölkerung oder an die Greul des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Diese nach Normen sog. -verhältnismäßiger Kriegsführung- illegitimen Grausamkeiten sind nicht das Werk einzelner, sondern Ergebnis des kooperativen Handelns mehrerer Angreifer, die selbst Mitglieder von Kollektiven sind, etwa von Gemeinschaften oder Organisationen. Unterstellt man, wie in der politischen (Interventions-)Praxis üblich, dass es sich bei diesen bewaffneten Gruppen in der Tat um Organisationen im strengen Sinne handelt, kann man fragen, ob sich deren Grausamkeit (teilweise) aus organisationalen Merkmalen erklären lässt. Welche Formen der Organisation - über Rekrutierungsmechanismen, innere Organisation, Kultur und Technologien - von kriegerischer Gewalt lassen sich hier historisch und synchron vergleichend beobachten? Was sind deren generische und spezifische Merkmale? Dieser Themenkomplex soll durch die vielschichtige Lektüre klassischer organisations- und militärsoziologischer sowie gewalt- und konflikttheoretischer Texte erschlossen werden. Dabei sind theoretische Kreativität, Lektürebereitschaft und Diskussionsfreude gefordert. Soziologie Universität Siegen WiSe 2010/11 Schwalb Benjamin