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14. März 2017Poetik der Geschlechterdifferenz im Poststrukturalismus Julia Kristeva Helene Cixous und Luce Irigaray
Obwohl sich der sog. Poststrukturalismus schon im intellektuellen Frankreich der 1960er Jahre anbahnte, wirkt er bis heute auf das Denken der Postmoderne ein. Wie sein Name schon sagt, unterscheidet sich dieser epistemologische Neuansatz vom vorangegangenen Strukturalismus (z.B. Claude Lévi-Strauss
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Jetzt Lernplan erstellenObwohl sich der sog. Poststrukturalismus schon im intellektuellen Frankreich der 1960er Jahre anbahnte, wirkt er bis heute auf das Denken der Postmoderne ein. Wie sein Name schon sagt, unterscheidet sich dieser epistemologische Neuansatz vom vorangegangenen Strukturalismus (z.B. Claude Lévi-Strauss' Ethnologie) durch eine Öffnung der geschlossenen Strukturmodelle (vgl. Manfred Frank, François Dosse). Der Begriff 'Poststrukturalismus' bezeichnet jedoch keine einheitliche Strömung, sondern nimmt sich auf den unterschiedlichen Feldern des Wissens verschiedenartig aus, von der 'pluralen Lektüre' Roland Barthes' über die linguistische Relektüre Freuds durch Jacques Lacan bis zur Immanenzphilosophie eines Gilles Deleuze oder Jacques Derridas grammatologischer 'Dekonstruktion'. Kleinster gemeinsamer Nenner dieser Ansätze wäre vielleicht ein Denken der Differenz, in das feministisches Denken erneut eine Differenz einzuführen versuchte. Als 'epistemologischer Einschnitt' (Dominique Lecourt) ist die Konstellation poststrukturalistischer Subjekt-, Diskurs- und Gesellschaftstheorien auch im Bereich der Gender Studies, die sich in den 1990er Jahren formierten, nicht ohne Wirkung geblieben. Auf dem Umweg über die USA sind vor allem die international renommierten 'französischen Feministinnen' Julia Kristeva, Hélène Cixous und Luce Irigaray, allmählich auch im deutschsprachigen Raum bekannt geworden. Obwohl die Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz, die dies mit sich brachte, zunächst auf heftige Kritik stieß, weil sie traditionelle politische Voraussetzungen (wie z.B. die Patriarchatstheorie) in Frage stellte, ließ sich dann sogar der radikale Konstruktivismus der queer theory (vgl. Judith Butler) von diesem 'Theorie-Design' (Lyotard) inspirieren. Dieses Seminar möchte vor allem einen Einblick in die Relevanz dieser konjunkturellen Konfiguration für das Verständnis von Literatur, Schreiben und Geschlechtlichkeit geben. Während Kristevas Verbindung von Semiologie und Psychoanalyse die poetische Textualität ins Zentrum stellt und Subjektivität wie Geschlechtlichkeit als Effekte medialer Bedeutungspraxen ansieht, ohne dabei kulturhistorische Aspekte zu vernachlässigen, geht Cixous, mit einem vergleichbaren Interesse an der avantgardistischen Moderne, den Spuren eines 'weiblichen Schreibens' nach, das biologische Grenzen überschreitet. Irigaray schließlich wendet sich ebenso gegen die Mimesis des hegemonialen Männlichen wie gegen eine Neutralisierung oder Vervielfältigung der Geschlechtsunterschiede. Ausgehend vom welthistorischen Ausschluss der Frauen aus dem Kulturprozess, hält sie die asymmetrische Zweiteilung der Menschheit indes für eine Chance kreativer Andersheit (Alterität). Doch bedürfe es einer neuen Ethik der Geschlechter, um dem weiblichen zu erlauben, eine eigene symbolische Ordnung (auf den Ebenen der Sprache, des Rechts, der Politik usw.) zu erfinden und sich somit in die conditio humana einzuschreiben. Anhand von Textbeispielen der genannten Autorinnen (in dt., engl. u. frz. Sprache) soll den Gemeinsamkeiten, aber auch den Divergenzen zwischen den drei konkurrierenden, jedoch stellenweise miteinander kompatiblen Ansätzen nachgegangen werden. Voraussetzung für die Seminarteilnahme ist die Bereitschaft zur Lektüre schwieriger Texte und zur Erarbeitung ihres systematisch wie historisch komplexen Kontexts.
Primärliteratur :
Kristeva, Julia: Die Revolution der poetischen Sprache. Ffm.: Suhrkamp 1978 (Auszüge)
Dies.: Geschichten von der Liebe [frz. 1983]. Ffm. 1989 (Auszüge)
Dies.: -Die Produktivität der Frau-. In: alternative 108/109 (1976), S. 166-172
Julia Kristeva. Interviews. Edited by Ross Mitchell Guberman. Columbia University Press 1996, S. 3-11, 61-77, 78-91, 95-112, 114-133, 179-187, 221-225
The Portable Kristeva. Edited by Kelly Oliver. Columbia University Press 1997, S. 27-116, 137-229, 301-381
Cixous, Hélène: Die unendliche Zirkulation des Begehrens. Berlin: Merve 1977
Dies.: Weiblichkeit in der Schrift. Berlin: Merve 1980
Dies./Madeleine Gagnon/Annie Leclerc: La venue à l'écriture. Paris 1977 (10/18)
Irigaray, Luce: Waren, Körper, Sprache. Der ver-rückte Diskurs der Frauen. Berlin: Merve 1976
Dies.: Unbewusstes, Frauen, Psychoanalyse. Berlin: Merve 1977
Dies.: Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts [frz. 1977]. Ffm.: Suhrkamp 1980
Dies.: Das Geschlecht, das nicht eins ist [frz. 1977]. Ffm.: Suhrkamp 1980
Dies.: Zur Geschlechterdifferenz. Interviews und Vorträge. Wien: Wiener Frauenverlag 1987
Dies.: Das Mysterium Marias [frz. 2010]. Hamburg: Crieur Public 2011
Sekundärliteratur :
Runte, Annette: Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen. Ffm. u.a.: Peter Lang Vlg. 2010, S. 63-81, 141-177
Dies.: Natur-Kultur-Differenz in der feministischen Diskussion in Frankreich. Ffm.: Verlag für Interkulturelle Kommunikation ²1989
Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler 2000
Bergmann, Franszika / Franziska Schößler / Bettina Schreck (Hg.): Gender Studies. Bielefeld: transcript 2012
Angerer, Eva: Die Literaturtheorie Julia Kristevas. Von Tel Quel zur Psychoanalyse. Wien: Passagen 2007
Heymann, Brigitte: Textform und weibliches Selbstverständnis. Die Romane von H. Cixous u. Chantal Chawaf. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1991
Soiland, Tove: Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position zwischen Lacan und den Historisten. Wien/Berlin: Turia + Kant 2010
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
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