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Uni-Siegen
14. März 2017

Poetiken

Die älteste überlieferte Poetik (Lehre von der Dichtkunst) ist die von Aristoteles (ca. 335 v. Chr.), die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Auswirkungen z. B. auf Dramenkonzeptionen hat, so bezeichnet Brecht etwa sein Theater als anti-aristotelisch. Sowohl die Poetik...

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Die älteste überlieferte Poetik (Lehre von der Dichtkunst) ist die von Aristoteles (ca. 335 v. Chr.), die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Auswirkungen z. B. auf Dramenkonzeptionen hat, so bezeichnet Brecht etwa sein Theater als anti-aristotelisch. Sowohl die Poetik des Aristoteles als auch Horaz -Ars Poetica/ Epistula ad Pisones- (ca. 13 v. Chr.) waren im Mittelalter lange Zeit unbeachtet bzw. galten sie als verschollen. Mit ihrer Wiederentdeckung in der italienischen Renaissance (16. Jh.) intensivierte sich die theoretische Auseinandersetzung mit Dichtung. Interessant sind dabei sowohl die Rezeption der antiken Vorbilder als auch die Verflechtung späterer Poetiken untereinander – im Übrigen eine Vorgehensweise, die unter heutiger urheberrechtlicher Perspektive eine Katastrophe darstellt. Bspw. nimmt im Barock J. C. Scaliger zahlreiche Aspekte der antiken Dichtungslehre in seine -Poetices libri septem- (1561) auf, was dann von M. Opitz in seinem -Buch von der Deutschen Poeterey- (1624) weiterverarbeitet wird. Ebenfalls im Rückgriff auf die Antike, aber in bewusster Abgrenzung von Scaliger verhandelt die französische Klassik des 17. Jahrhunderts in ihrer Ordnungs- und Regelwut die Frage nach einer adäquaten Dichtung in zahlreichen theoretischen Schriften, deren berühmteste Boileaus Lehrgedicht -L’art poétique- (1674) ist. Dieser französische Regelkanon wiederum findet seinen Niederschlag in Gottscheds Dichtungslehre -Von der Critischen Dichtkunst- (1730), auf die Lessing in seiner -Hamburgischen Dramaturgie- (1767) ablehnend Bezug nimmt. Im Seminar werden beim Nachvollzug dieser Geschichte von Poetiken bestimmte Aspekte immer wieder eine Rolle spielen, die Aristoteles bereits eingebracht hatte, nämlich: 1. Was ist Dichtung, 2. welche Gattungen gehören dazu, 3. das Konzept der Mimesis, 4. das Ziel bzw. die Wirkung von Dichtung (Katharsis-Lehre). Zur Auflockerung werfen wir einen Blick auf jeweils zeitgenössische Theaterstücke, etwa Sophokles’ -König Ödipus- (ca. 425 v. Chr.), Racines -Phèdre- (1677), Lessings -Emilia Galotti- (1772). Voraussetzung für die Teilnahme ist die Lektüre der Poetiken (teilweise in Auszügen) und der Theaterstücke. Eine genaue Auswahl der zu lesenden Texte finden Sie zum Ende der Semesterferien bei moodle. Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2010/11 M.A. Aye Mirja Anna M.A