Uni-Kassel
14. März 2017Projekt Zusammen Alternative Wohn und Lebensformen
Seit den 1970er Jahren gibt es in Deutschland neue gemeinschaftliche Wohn- und/oder Lebensformen. Ein Hauptcharakteristikum ist dabei, dass sie von denen (mit)gestaltet werden, die sie nutzen und wohnkulturelle vor ökonomischen Aspekten rangieren, d.h. die soziale Konfiguration, die Gemeinschaft sind wichtiger...
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Jetzt Lernplan erstellenSeit den 1970er Jahren gibt es in Deutschland neue gemeinschaftliche Wohn- und/oder Lebensformen. Ein Hauptcharakteristikum ist dabei, dass sie von denen (mit)gestaltet werden, die sie nutzen und wohnkulturelle vor ökonomischen Aspekten rangieren, d.h. die soziale Konfiguration, die Gemeinschaft sind wichtiger als das kostengünstige Wohnen.
Radikale Formen wie Kommunen und Ökodörfer (z.B. Niederkaufungen; 7Linden bei Magdeburg) mit einer gemeinsamen Ökonomie oder solche, die sich aus der Hausbesetzerszene entwickelten (z.B. Hafenstraße, Hamburg; Mietshäuser Syndikat, Freiburg) wurden jedoch lange belächelt und innerhalb des Mainstreams kaum wahrgenommen. In abgeschwächter Form gerät der Gedanke angesichts der demographischen Entwicklung aber zunehmend ins Blickfeld: als Senioren-WG, Wohnen und Arbeiten für Frauen, generationsübergreifendes Wohnprojekt, autofreies Wohnen, gemeinschaftliche Baugruppe mit mehr oder weniger großem Gemeinschaftsanteil oder Designer-WG (WG Café in Düsseldorf).
Viele Projekte scheitern jedoch auf dem Weg der Umsetzung ihrer Vorstellungen oder brauchen etliche Jahre, um ihre Wünsche zu realisieren. Es gibt zahlreiche Hürden, die auf dem Weg zum gemeinsamen Wohnen überwunden werden müssen, angefangen bei der Bekanntmachung durch die Initiatoren, der Suche weiterer Interessierter und der Gruppenbildung über die Frage nach Finanzierung und Förderung, geeigneter Rechtsform, Immobiliensuche und Baubetreuung bis hin zur Nutzung, Verwaltung und Organisation des alltäglichen Zusammenlebens. Eine aktive Unterstützung durch wohnungspolitische Akteure findet nur in Ausnahmefällen statt.
Dabei ist hier nicht nur ein neues ernstzunehmendes und möglicherweise lukratives Marktsegment im Entstehen, sondern es zeigt auch Potenziale für eine soziale und ökologische Stadtentwicklung. Gemeinschaftliches Wohnen wird von uns nicht als Rettungsring der vermeintlich in die Krise geratenen bürgerlichen Gesellschaft gesehen. Dies gilt es näher zu betrachten und zu analysieren.
In diesem Semester soll es nach kurzer Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln (Frühsozialismus, Gartenstadt- und Lebensreformbewegung, Genossenschaftswesen) vor allem um den Entstehungs- und Gruppen(findungs)prozess und die Möglichkeiten der Begleitung und Unterstützung von außen gehen. Nach eingehender Recherche, Sammlung und Sichtung der Literatur und Ratgeber bzw. Leitfäden für Wohn- und Bauprojekte wollen wir uns den dargelegten Problemen und ihren möglichen Lösungen anhand gemeinsam ausgewählter Fallbeispiele nähern. Als Erhebungsmethoden werden hier vornehmlich Beobachtung und Interview zum Einsatz kommen. Ein Schwerpunkt liegt also auf den Kommunikationselementen innerhalb der Wohnprojektgruppe, mit Behörden, Architekten, Banken und weiteren Institutionen. Aber auch die Frage, wie von kommunaler Seite Projekte unterstützt oder gar initiiert werden könnten, wird uns beschäftigen. Ziel im zweiten Semester wird die Erarbeitung von Kommunikations- und Arbeitshilfen für WohnprojektgründerInnen und für Träger öffentlicher Belange, die diese unterstützen wollen, sein.
FB 06 Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung
Uni Kassel
WS 2006/2007
Univ.-Prof. Dr.
Terlinden Ulla