Uni-Dortmund
14. März 2017Seminar Literatur und Gouvernementalität
Seit den 1970er-Jahren fungiert Michel Foucaults philosophisches Projekt einer -Geschichte der Denksysteme- als wichtiger Impulsgeber für die Kulturwissenschaften. Nach der Achse des Wissens und der Achse der Macht ist dabei zuletzt verstärkt die Achse des Subjekts bzw. diejenige der Selbstverhältnisse...
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Jetzt Lernplan erstellenSeit den 1970er-Jahren fungiert Michel Foucaults philosophisches Projekt einer -Geschichte der Denksysteme- als wichtiger Impulsgeber für die Kulturwissenschaften. Nach der Achse des Wissens und der Achse der Macht ist dabei zuletzt verstärkt die Achse des Subjekts bzw. diejenige der Selbstverhältnisse ins Zentrum der Diskussion gerückt. Programmatisch dafür steht der Neologismus der -Gouvernementalität-, der die französischen Bezeichnungen für Regierung (gouvernement) und Denkweise (mentalité) miteinander verknüpft und es Foucault auf diese Weise erlaubte, die unterschiedlichen Dimensionen seines Denkens im Wissen um die Kunst der (guten) Führung seiner selbst und anderer zusammenzuführen.
Innerhalb jenes Denkraums, der sich zwischen den Dimensionen von Wissen, Macht und Subjektivität entfaltet, spielt der weit gefasste Begriff der Regierung eine zentrale Rolle. Wenn Foucault definiert -Unter Regierung verstehe ich die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels deren man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung-, dann verweist diese Definition nicht zuletzt darauf, dass im Moment der Regierung ein spezifisches Wissen über das Wesen des Menschen mit konkreten, zum Teil institutionalisierten Verfahren und Technologien der Menschenführung verschaltet wird. Diese ‚Menschenfassungen’ beruhen jedoch auf der Fügsamkeit der Individuen. Deshalb lautet die zentrale Frage, auf die Foucaults Vorlesung mit dem Titel Was ist Kritik? zusteuert, denn auch: -Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?-
Ziel des Seminars ist es, die vielfältigen Impulse, die vom unvollendeten Projekt einer -Geschichte der Gouvernementalität- ausgehen, aufzugreifen und nach dem Zusammenhang von Literatur und Gouvernementalität zu fragen. Dabei werden wir uns mit unterschiedlichen Texten und literarischen Figuren (von Herman Melvilles Bartleby bis zur Bewegung der Glücklichen Arbeitslosen) beschäftigen und mit Joseph Vogls Forschungen zur Ökonomisierung des Menschen, dem von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke initiierten Projekt einer -Gouvernementalität der Gegenwart- sowie Jürgen Links Theorie des Normalismus überdies drei prominentere literatur- und kulturwissenschaftliche Anschlüsse an Foucault kennenlernen.
LITERATUR: Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, herausgegeben von Michel Sennelart, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1808); Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979, herausgegeben von Michel Sennelart, aus dem Französischen übersetzt von Jürgen Schröder, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1809); Michel Foucault, Was ist Kritik? (1990), aus dem Französischen übersetzt von Walter Seitter, Berlin: Merve 1992.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1490); Graham Burchell, Colin Gordon und Peter Miller (Hrsg.), The Foucault Effect. Studies in Governmentality With Two Lectures By And An Interview With Michel Foucault, Chicago: The University of Chicago Press 1991; Thomas Lemke, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Hamburg: Argument 1997 (= Argument Sonderband Neue Folge 251); Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Würzburg: Königshausen & Neumann 2006; Martin Stingelin (Hrsg.), Absolute Michel Foucault, Freiburg i. Br.: Orange Press 2009; Joseph Vogl, Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, Zürich-Berlin: Diaphanes 2008.
Die für das Seminar zentralen Texte werden über das EWS bereitgestellt.
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Technische Universität Dortmund
WiSe 2013/14
Deutsch BA LABG2009
Lachmann Tobias