Uni-Kassel
14. März 2017Proseminar Barockes Schultheater
Die Entwicklung des Dramas im 16. und 17. Jahrhundert ist eng verknüpft mit der Entwicklung frühneuzeitlicher Pädagogik. Vor allem die Jesuiten wiesen dem Drama einen besonderen Stellenwert in der Latein- und Rhetorikausbildung zu und erkannten in ihm ein Mittel zur...
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Jetzt Lernplan erstellenDie Entwicklung des Dramas im 16. und 17. Jahrhundert ist eng verknüpft mit der Entwicklung frühneuzeitlicher Pädagogik. Vor allem die Jesuiten wiesen dem Drama einen besonderen Stellenwert in der Latein- und Rhetorikausbildung zu und erkannten in ihm ein Mittel zur Glaubenspropaganda. Dabei dienten nicht nur tragische Stoffe diesem Zweck, sondern auch und gerade spektakuläre Inszenierungen mit vielen Theater- und Illusionseffekten (Licht, Geräusche, Feuerwerke usw.). Die protestantischen, vornehmlich schlesischen Dichter des 17. Jahrhunderts orientierten sich an diesen Vorgaben. Auch ihre, nun deutschsprachigen, Dramen waren in der Regel für den Schulunterricht geschrieben. In den Vorbereitungen, Inszenierungen und Aufführungen konnten die Schüler ihr Gedächtnis und ein selbstbewusstes Auftreten trainieren, politische und juristische Verfahren im Spiel einüben sowie ihre rhetorischen Kenntnisse schulen. Gleichzeitig waren die aufwändigen Aufführungen auch geeignet, öffentlich die Qualität der Schule zu demonstrieren.
Im Seminar werden wir uns auf ausgewählte Dramen Christian Weises beschränken. Er war ab 1668 Rektor am Zittauer Gymnasium und schrieb in dieser Zeit nicht nur mehr als 60 Dramen, sondern reflektierte in zahlreichen Schriften auch die Bedeutung, die das Drama für die Ausbildung seiner Schüler hat, die mehrheitlich aus bürgerlichen Kreisen stammten und später die Beamtenlaufbahn einschlugen.
Ziel ist es zu untersuchen, wie diese pädagogischen Ideen umgesetzt werden in seinen Dramen, wie die Aufführungspraxis in den Schulen aussah, welche Bedeutung die Dramen für den Unterricht hatten, aber auch, wie eine Inszenierung vor heutigen Schülern aussehen könnte. Dazu werden wir uns auch mit barocker Dramentheorie beschäftigen müssen, um die Abweichungen, die Weise vornimmt, sehen und einschätzen zu können.
Literaturangaben (in Auswahl):
Es wird erwartet, dass selbstständig im BdSL weitere Literatur recherchiert wird.
Primärliteratur
JOHANN JAKOB BREITINGER (1989): -Bedencken von Comoedien oder Spilen.- Die Theaterfeindlichkeit im Alten Zürich. Edition - Kommentar - Monographie. Hg. v. Brunschwiler, Thomas. Bern. (Zürcher Germanistische Studien
GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER (1650): Poetischer Trichter. Nürnberg: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Reprint: Darmstadt 1969.
GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER (1969): Frauenzimmer Gesprächsspiele. Hg. v. Böttche, Irmgard. Tübingen. (Deutsche Neudrucke. Reihe Barock 13-19).
GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER (1975): Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-geschichte. Hildesheim
New York. (Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1656.
MARTIN OPITZ (2002): Buch von der deutschen Poeterey. Hg. v. Jaumann, Herbert. Stuttgart. (Reclams Universal Bibliothek 18214).
CHRISTIAN THOMASIUS (1689): Daniel Caspers von Lohenstein Großmüthiger Feld-Herr Armenius oder Hermann / nebst seiner Durchläuchtigsten Thußnelda / in einer Sinnreichen / Staats/ Liebes / und Helden-Geschichte in zwey Theilen vorgestellet. Leipzig bey Joh:Fried: Gleditschen / in Groß Qvart. pagg. 1430. In: Christian, Thomasius (Hg.): Gedanken oder Monatsgespräche über allerhand neue BücherIV). Frankfurt a. M.: Athenäum. Reprint: 1972.
CHRISTIAN WEISE (1969): Ein wunderliches Schau-Spiel vom Niederländischen Bauer. Hg. v. Burger, Harald. Stuttgart: Philipp Reclam jun. (RUB 8317/18). Ausgabe vergriffen. Der Text findet sich aber unter http://www.zeno.org/Literatur/M/Weise,+Christian/Dramen/Der+niederl%C3%A4ndische+Bauer. (wird als Pdf in Moodle eingestellt).
CHRISTIAN WEISE (1972): Masaniello. Hg. v. Martini, Fritz. Stuttgart: Philipp Reclam. (Reclam Universal Bibliothek 9327-29).
Forschungsliteratur:
STEFANIE AREND, THOMAS BORGSTEDT, NICOLA KAMINSKI und DIRK NIEFANGER (Hgg.) (2008): Anthropologie und Medialität des Komischen im 17. Jahrhundert (1580-1730). Amsterdam: Rodopi. (Chloe. Beihefte zum Daphnis 40).
WILFRIED BARNER (2006): Aufrichtigkeit und -Lebendigkeit- bei Christina Weise, pragmalinuistisch betrachtet. In: Benthien, Claudia (Hg.): Die Kunst der Aufrichtigkeit im 17. Jahrhundert. Tübingen: Niemeyer. S. 179-187.
ITALO MICHELE BATTAFARANO (1996): Christian Weises Masaniello : Trauerspiel der Politik zwischen Machtaffirmation und Beruf im Dienste des Gemeinwohls. In: Morgen-Glantz 6, 1996, S. 185-236.
ROLF BAUR (1982): Didaktik der Barockpoetik. Die deutschsprachigen Poetiken von Opitz bis Gottsched als Lehrbücher der Poeterey. Heidelberg: Carl Winter. (Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft 2).
PETER BEHNKE (Hg.) (1994): Christian Weise: Dichter - Gelehrter - Pädagoge. Beiträge zum ersten Christian-Weise-Symposium aus Anlaß des 350. Geburtstags. Zittau.*(Darin verschiedene Aufsätze zu unserem Thema)
ARND BEISE (1997): Untragische Trauerspiele : Christian Weises und Johann Elias Schlegels Aufklärungsdrama als Gegenmodell zur Märtyrertragödie von Gryphius, Gottsched und Lessing. In: WW 47, H. 2, 1997, S. 188-204.
MARTIN BIRCHER (Hg.) (1976): Inszenierung und Regie barocker Dramen. Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 23.-25. Januar 1976. Hamburg: Dr. Ernst Hauswedell.
RALF GEORG BOGNER (2006): Ein Bibeltext im Gattungs- und Medienwechsel : deutschsprachige Abraham-und-Isaak-Schauspiel der frühen Neuzeit von Hans Sachs, Christian Weise und Johann Kaspar Lavate. In: Steiger, Johann Anselm und Heinen, Ulrich (Hgg.): Isaaks Opferung (Gen 22) in den Konfessionen und Medien der frühen Neuzeit. (Arbeiten zur Kirchengeschichte 101). Berlin: de Gruyter. S. 435-447.
DIETER BREUER (1994): -Kein neuer Simplicissimus- : der satirische Erzähler Christian Weise in seiner Zeit. In: Behnke, Peter (Hg.): Christian Weise: Dichter - Gelehrter - Pädagoge. Beiträge zum ersten Christian-Weise-Symposium aus Anlaß des 350. Geburtstags. Zittau. S. 185-195.
BERNHARD FISCHER (1995): Ein politisches Experiment über den Bürgerkrieg : Christian Weises Trauerspiel von dem Neapolitanischen Haupt-Rebellen Masaniello. In: Zeitschrift für Germanistik 5, H. 3, 1995, S. 495-507.
ERIKA FISCHER-LICHTE (1988): Semiotik des Theaters. Eine Einführung. Bd. 1: Das System der theatralischen Zeichen. Tübingen.
DANIEL FULDA (2000): Falsches Kleid und bare Münze : Tausch und Täuschung als Konstituenten der Komödie, mit zwei Beispielen aus dem Barock. In: IASL 25, H. 2, 2000, S. 22-47.
KONRAD GAJEK (1993): Andreas Gryphius auf dem schlesischen Schultheater: Aussagen über Andreas Gryphius Dramen in Christian Gryphius Schulactus Von den Trauer-Spielen Oder Tragödien. In: Anton, Herbert, Walter Engel (Hg.): Weltgeschick und Lebenszeit: Andreas Gryphius, ein schlesischer Barockdichter aus deutscher und polnischer Sicht. (Schriften der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Deutsch-osteuropäisches Forum Droste. S. 95-107.
KONRAD GAJEK. (Hg.) (1994): Das Breslauer Schultheater im 17. und 18. Jahrhundert : Einladungsschriften zu den Schulactus und Szenare zu den Aufführungen förmlicher Comödien an den protestantischen Gymnasien. Tübingen.
ERVING GOFFMAN (1988): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München.
PETER-HENNING HAISCHER (1999): Zur Bedeutung von Parodie und Karneval in Christian Weises Zittauischem Theatrum. In: Daphnis 28, H. 2, 1999, S. 287-321.
FRÉDÉRIC HARTWEG (1986): Art. Schuldrama. In: Brauneck, Manfred und Schneilin, Gérard (Hgg.): Theaterlexikon. Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensembles. Reinbek bei Hamburg. S. 772-776.
MELANIE HONG (2004): Europäische Orientierung in Christian Weises historischen Dramen. In: Heudecker, Sylvia (Hg.): Kulturelle Orientierung um 1700. Traditionen, Programme, konzeptionelle Vielfalt. Tübingen: Niemeyer. S. 220-235.
MELANIE HONG (2008): Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Bidermann, Gryphius, Weise, Lohenstein, Fichte, Dorst, Müller und Tabori. Würzburg: Ergon. (Literatura 20).
UWE KAHL (Hg.) (1998): Christian Weise : zum 290. Todestag am 21. Oktober 1998. Zittau.
KNUT KIESANT (1999): - Inszeniertes Lachen in der Barock-Komödie : Andreas Gryphius Peter Squentz und Christian Weises Der niederländische Bauer. In: Röcke, Werner (Hg.): Komische Gegenwelten. Lachen und Literatur in Mittelalter und früher Neuzeit. Paderborn: Schöningh. S. 199-214.
THOMAS KIRCHNER (1985): Der Theaterbegriff des Barock. In: Maske und Kothurn 31, 1985, S. 131-140.
JEAN-DANIEL KREBS (Hg.) (1996): Die Affekte und ihre Repräsentation in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit. Bern u.a.: Peter Lang. (Jahrbuch für internationale Germanistik : Reihe A, Kongreßberichte 42).
MANFRED K. KREMER (1988): Bauern-, Bürger- und Frauensatire in den Zittauer Komödien Christian Weises. In: Daphnis 17, 1988, S. 99-118.
MATTHIAS LUSERKE-JAQUI ( 2000): Christian Weise, Masaniello. In: Dramen vom Barock bis zur Aufklärung. (Reclam Universal-Bibliothek 17512). Stuttgart: Philip Reclam jun. S. 154-176.
CLAUS-MICHAEL ORT (2003.): Medienwechsel und Selbstreferenz : Christian Weise und die literarische Epistemologie des späten 17. Jahrhundert. Tübingen: Niemeyer.
FIDEL RÄDLE (2004): Das Jesuitentheater. Ein Medium der Frühen Neuzeit. Saarbrücken.
VICTOR TURNER (1989): Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels. Frankfurt a.M.
ULRIKE WELS (2005): -... daß man die Affecten auch durch saubere Künste moviren könne ...- : Affekt im protestantischen Schultheater ; Gottfried Hoffmanns Vorrede zur -Eviana- (1696). In: Steiger, Johann Anselm (Hg.): Passion, Affekt und Leidenschaft in der Frühen Neuzeit Bd. 2. (Wolfenbüttler Arbeiten zur Barockforschung 43). Wiesbaden: Harrassowitz. S. 863-875.
BemerkungLitWis GS 2.1, 2.2, 2.3
Leistungsnachweis
- -Sitzschein- setzt eine aktive Teilnahme in einer Arbeitsgruppe voraus
- Diskussionsleitung mit schriftlicher Ausarbeitung: 2 Cr
- strukturierte Inhaltszusammenfassung des jeweiligen Textes 1Cr
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks (eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben) 1Cr
- Semesterarbeit: ca. 20 Seiten: 3 Cr
LerninhalteZiel ist es zu untersuchen, wie diese pädagogischen Ideen umgesetzt werden in Weises Dramen, wie die Aufführungspraxis in den Schulen aussah, welche Bedeutung die Dramen für den Unterricht hatten, aber auch, wie eine Inszenierung vor heutigen Schülern aussehen könnte. Dazu werden wir uns auch mit barocker Dramentheorie beschäftigen müssen, um die Abweichungen, die Weise vornimmt, sehen und einschätzen zu können.
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- -Sitzschein- setzt eine aktive Teilnahme in einer Arbeitsgruppe voraus
- Diskussionsleitung mit schriftlicher Ausarbeitung: 2 Cr
- strukturierte Inhaltszusammenfassung des jeweiligen Textes 1Cr
- Thesenblatt zu einem spezifischen Thema innerhalb eines Themenblocks (eine Woche vor der jeweiligen Sitzung abzugeben) 1Cr
- Semesterarbeit: ca. 20 Seiten: 3 Cr
Uni Kassel
SS 2009
Germanistik HF
Kernstudium
Prof. Dr.
Brinker von der Heyde Claudia