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Uni-Kassel
14. März 2017

Proseminar Erinnerungskultur im demokratischen Spanien Bürgerkrieg und Franquismus im neueren historischen Roman

Die Hinwendung zu historischen Themen – insbesondere zur Periode des Bürgerkriegs und des Franquismus – stellt eine der markantesten Tendenzen des spanischen Literatur- und Kulturbetriebs gegen Ende des 20. Jahrhunderts dar. Kritiker des infrage stehenden Phänomens haben bisher immer wieder...

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Die Hinwendung zu historischen Themen – insbesondere zur Periode des Bürgerkriegs und des Franquismus – stellt eine der markantesten Tendenzen des spanischen Literatur- und Kulturbetriebs gegen Ende des 20. Jahrhunderts dar. Kritiker des infrage stehenden Phänomens haben bisher immer wieder auf den besonderen Umstand hingewiesen, dass die Schriftsteller, Filmemacher und Intellektuellen, die heute in Spanien Erinnerungsarbeit leisten, größtenteils einer Generation angehören, welche den Bürgerkrieg nicht mehr aus eigener Anschauung kennt, sondern auf Dokumente, Bilder, Filme und Erzählungen von Älteren angewiesen ist. Die Frage einer Vermittlung von Geschichte, ja der Möglichkeiten einer ‚wahrheitsgetreuen Rekonstruktion' von Geschichte stände daher in den aktuellen spanischen Erinnerungsdiskursen zur Diskussion. Allerdings ist dieser Befund keineswegs auf Spanien beschränkt, sondern in einen weitergehenden Kontext zu stellen. Einerseits lässt sich in der Literatur des ausklingenden 20. Jahrhunderts generell die Tendenz einer verstärkten ‚Hybridisierung' von Textsorten und Gattungen beobachten, infolge derer die Grenzen zwischen so genannter Ernster und Unterhaltungsliteratur, zwischen journalistischer und literarischer Arbeit, kurzum, zwischen Fiktivem und Faktischem verwischen. Andererseits haben gerade auch die neueren Debatten in den Sozial- und Geschichtswissenschaften zu Bewusstsein gebracht, dass Geschichte stets in sprachlichen und narrativen Mustern vermittelt ist. Auch hier ist also eine Annäherung von Historiographie und Literatur, von Faktischem und Fiktivem zu konstatieren. Vor diesem Hintergrund ist das Erkenntnisanliegen des Seminars ein doppeltes: Zum einen soll es um die Frage gehen, wie zeitgenössische spanische Autoren den Bürgerkrieg erinnernd ‚rekonstruieren'. Ein besonderer Stellenwert kommt in diesen Zusammenhang dem (keineswegs neuen) Topos der ‚dos Españas' zu. Wie wird hier zwischen zwei konkurrierenden historischen Gedächtnissen – dem der Sieger und der Besiegten des Bürgerkriegs – vermittelt? Zum anderen wird uns die Thematisierung des Erinnerungsvorgangs und seine intermediale Vermittlung – etwa durch Rekurse auf Gemälde, Fotographien, Filme oder das Genre der Kriminalliteratur als narrative Form einer historischen Recherche - beschäftigen. Das Seminar zentriert sich in der Analyse von einschlägigen Textsauszügen aus verschiedenen neueren Romanen. Geplant sind: Beatus Ille (1986) von Antonio Muñoz Molina; El lapiz del carpintero (1998) von Manuel Rivas; Luna lunera (1999) von Rosa Regàs und Soldados de Salamina (2001) von Javier Cercas. Aufgrund der Dominanz des medialen Vermittlungsaspekts ist ferner an die Einbeziehung aussagekräftiger Filmbeispiele gedacht. Zur Einführung: Hans-Jörg Neuschäfer: „Vergangenheitsbewältigung à la española. Über die Bedeutung der neuen Memoralistik und die Problematik ihrer Bewertung“. In: Tranvía 64, März 2002. Zur neueren Konzeptualisierung von Erinnerungsdiskursen: Aleida Assmann: „Geschichte im Gedächtnis“. In: Martin Huber u. Gerhard Lauer (Hg.). Nach der Sozialgeschichte. Konzepte der Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medienwissenschaft. Tübingen (Niemeyer) 2000. VoraussetzungenErfolgreicher Abschluss des OK Spanische Literaturwissenschaft. LeistungsnachweisVorbereitung, regelmäßige aktive Teilnahme, Referat und Ausarbeitung (15 S.) oder Hausarbeit (20-25 S.) FB 02 Institut für Romanistik Uni Kassel SS 2008 Romanische Philologie NF PD Dr. Schumm Petra