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Uni-Siegen
14. März 2017

Rebellische Töchter Literarische Spuren weiblicher Freundschaftsnetze im Biedermeier

Prof. Dr. Annette Runte Sommersemester 2015 Germanistik, Uni Siegen ‚Rebellische Töchter’. Literarische Spuren weiblicher Freundschaftsnetze im ‚Biedermeier’ Am Beispiel der geselligen und professionellen Kontakte Annette von Droste-Hülshoffs (1797-1848), der berühmtesten deutschen Lyrikerin des 19. Jahrhunderts, werden wir in diesem Seminar...

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Prof. Dr. Annette Runte Sommersemester 2015 Germanistik, Uni Siegen ‚Rebellische Töchter’. Literarische Spuren weiblicher Freundschaftsnetze im ‚Biedermeier’ Am Beispiel der geselligen und professionellen Kontakte Annette von Droste-Hülshoffs (1797-1848), der berühmtesten deutschen Lyrikerin des 19. Jahrhunderts, werden wir in diesem Seminar den Spuren weiblicher Freundschaftsnetze in der politischen Restaurationsepoche des 'Biedermeier' (1815-1848) nachgehen, und zwar anhand literarischer Zeugnisse (z.B. Widmungsgedichte, Dramen, Erzählungen usw.) und (auto-)biographischer 'Ego Dokumente' (z.B. Briefe, Tagebücher usw.) aus Drostes eigener Feder sowie aus ihrem (weiblichen) Bekanntenkreis. Einst zur ‚großen Einsamen’ wie zur katholischen Dichterin Westfalens stilisiert, gilt die zwischen Spätromantik und ‚poetischem’ Realismus angesiedelte Schriftstellerin, deren Werk barocke Formen ebenso wie den aufklärerischen Impetus der Vormärz-Literatur integriert, nicht nur als Vertreterin eines ‚abgründigen Biedermeier’ (vgl. Friedrich Sengle), deren ‚Natur- und Zeitbilder’ (vgl. 1844er-Gedichte) von der Nachtseite bürgerlicher (Familien-) Idyllik zeugen, sondern auch als Vorläuferin der ästhetischen Moderne. Die sich der Ehe verweigernde Junggesellin aus dem konservativen Landadel musste sich das Recht auf Autorschaft, insbesondere die Veröffentlichung unter eigenem Namen, gegen die Vorurteile ihres gesellschaftlichen Milieus erkämpfen, nicht zuletzt mit Hilfe männlicher ‚Mentoren’ (Mathias Sprickmann, Christoph Schlüter, Levin Schücking). Doch beruhte ihr Schaffen vor allem auf dem intensiven Austausch mit anderen intellektuellen Frauen aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis (z.B. Anna von Haxthausen, Amalie Hassenpflug), zu denen ‚die Droste’ mehr oder weniger kontinuierliche Beziehungen aufrechterhielt. Dabei handelt es sich einerseits um weibliche Vorbilder (Katharina Busch), Förderer (Elise von Hohenhausen) oder Freundinnen (Elise Rüdiger), etwa aus der Münsteraner ‚Heckenschriftsteller’-Gesellschaft, einem kleinen regionalen Salon, andererseits um künstlerisch aktive Frauen aus dem rheinländischen Raum, wie z.B. Adele Schopenhauer, die ledige Tochter des Philosophen, oder die sozial privilegierte Mäzenin Sibylle Mertens-Schaffhausen, die beide in den 1840er Jahren zusammen lebten und reisten. Ob man der dynamischen Vernetzung relativ autonomer Literatinnen politische oder persönliche Motive unterstellt (vgl. Angela Steidele), erscheint in unserem Zusammenhang weniger wichtig als die Frage, in welcher Weise sich gegenseitige Inspiration, Anerkennung und Kritik auf das Leben und Schreiben gebildeter Frauen auswirkten. Hatten sich im Gefolge der frühromantischen 'Kulturrevolution' bereits Modelle einer neuen Konversations- und Briefkultur (z.B. Rahel Levin Varnhagen, Bettine von Arnim) ausdifferenziert, gilt es, diesen innovatorischen Impuls eines kommunikativen 'Polylogs' (Julia Kristeva) auf literatursoziologischer wie geschlechterhistorischer Ebene weiter zu verfolgen. Das Stichwort einer 'Rebellion der Töchter' soll in diesem Kontext gleichsam auf eine 'doppelte Emanzipation' verweisen, nämlich ebenso von der 'männlichen' Tradition weiblicher Gelehrsamkeit wie vom matrimonialen Ideal geistiger Partnerschaft (z.B. Friedrich & Dorothea Schlegel). Voraussetzung der Seminarteilnahme ist die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und zur Übernahme eines Referats. Der Briefwechsel der Annette von Droste-Hülshoff (mit ihren Briefpartnerinnen) soll zu Anfang des Semesters mindestens teilweise (z.B. die ‚Elise Rüdiger’-Korrespondenz) gelesen sein. Primärliteratur (Auswahl): - Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Winfried Woesler. München: dtv klassik (Nr. 2416) 1996 (evtl. auch andere Ausgaben) - Dies.: -Mein lieb lieb Lies!- Die Briefe der A.v.D.-H. an Elise Rüdiger. Nach den Handschriften u. mit einem Nachwort versehen von Ursula Naumann. Ffm./Berlin: ²1992 - Dies.: Berta. Ledwina. Hg. u. mit einem Nachw. Versehen v. U. Naumann. Ebd. 1991 - Dies.: Perdu! Oder Dichter, Verleger u. Blaustrümpfe (1840). In: Bodo Plachta / Winfried Woesler (Hg.), Prosa, Versepen, dramatische Versuche, Übersetzungen. Ffm. ²1998 - Schopenhauer, Adele: Tagebuch einer Einsamen. Hg. u. eingeleitet von H.H. Houben. Mit Scherenschnitten der Autorin u. einem Anhang von Rahel E. Feilchenfeldt-Steiner. München: Matthes & Seitz 1985, S. LXV-LXXVI u. S. 1-252 Sekundärliteratur (Auswahl): - Beuys, Barbara: -Blamieren mag ich mich nicht-. Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff. München: Hanser 1999 - Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. 3 Bde. Stuttgart 1971 ff. - Gödden, Walter: Die ‚andere’ Annette. A.v.D.-H. als Briefschreiberin. Paderborn: Schöningh ²1992 - Salmen, Monika: Das Autorbewusstsein der Droste. Eine Voraussetzung und Vermittlung ihres literarischen Werks. Ffm. 1985 - Dies./Woesler, Winfried (Hg.): -Zu früh, zu früh geboren-. Die Modernität der A.v. D.-H. Düsseldorf: Grupello Vlg. 2008 - Plachta, Bodo: A.v.D.-H. (1797-1848). -aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen warden”. Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Vlg. 1997 (zum 200. Geburtstag) - Niethammer, Ortrun/Belemann, Claudia (Hg.): Ein Gitter aus Musik und Sprache. Feministische Analysen zu A.v.D.-H. Paderborn: Schöningh 1993 - Ditz, Monika/Maurer, Doris: A.v.D.-H. und ihre Freundinnen. Meersburg 2006 - Hänsel, Markus: Elise von Hohenhausen (1789-1857). Übersetzerin, Dichterin und Mutter. Ein Lebensbild im Biedermeier. Ffm. u.a.: Peter Lang 1984 - Gödden, Walter: -Ein neues Kapitel der Droste-Biographie. Die Freundschaft der Droste mit Anna von Haxthausen u. Amalie Hassenpflug in ihrem biographischen und psychologischen Kontext anhand neuen Quellenmaterials-. In: Droste-Jahrbuch 1 (1986), S. 157-172 - Steidele, Angela: -Als wenn du mein Geliebter wärest-. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750-1850. Stuttgart: Metzler 2003 - Dies.: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. Berlin: Insel Vlg. 2010 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen 20151 SoSe 2015 apl. Prof. Dr. Runte Annette