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Uni-München
14. März 2017

Seminar Freud Trieb und Kultur A2

Die Psychoanalyse Sigmund Freuds ist nicht nur eine Theorie der Individualpsyche. In seinen kulturtheoretischen Schriften wie etwa Das Unbehagen in der Kultur (1930) überträgt Freud seine psychoanalytischen Entdeckungen auf eine Massenpsychologie und zeigt, wie jeder Einzelne das allgemeine Schicksal der...

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Die Psychoanalyse Sigmund Freuds ist nicht nur eine Theorie der Individualpsyche. In seinen kulturtheoretischen Schriften wie etwa Das Unbehagen in der Kultur (1930) überträgt Freud seine psychoanalytischen Entdeckungen auf eine Massenpsychologie und zeigt, wie jeder Einzelne das allgemeine Schicksal der Menschheit lebt. Statt sich jedoch auf das Urbild eines paradiesischen Zustandes zu berufen, deutet er die Kulturgeschichte als eine immer schon andauernde Herrschaft des Menschen über den Menschen. Diesen Machtkampf fasst Freud als eine gesellschaftsbildende Organisation des Sexualtriebes. Ihm zufolge wäre so die Kultur nichts anderes als eine vielschichtige Sedimentierung von erzwungenen Herrschaftsverhältnissen, in denen die Möglichkeit und Unterdrückung von Lust und Genuss geregelt ist. Die Spuren der Impulse und Taten, die zu diesen Verhältnissen geführt haben, geistern noch immer in unserer Kultur und kehren wieder in den Affekten der Schuld und der Aggression oder manifestieren sich, wie man vielleicht über unsere Gegenwart sagen könnte, in einer eigentümlichen Affektlosigkeit. Diese Theorie der Kultur soll von zwei unterschiedlichen Denkern beleuchtet werden, die beide je auf ihre Weise von diesen freudschen Prämissen ausgegangen sind. So schließt Herbert Marcuse als Theoretiker der kritischen Theorie in seinem sogenannten Freudomarxismus an die kulturtheoretischen Schriften Freuds an und beschreibt in Eros and Civilisation (1957) die immer restriktiver werdende Unterdrückung des Lustprinzips, die er im Leistungsprinzip des Kapitalismus am Werk sieht. In einer erneuten Lektüre von Freud versucht Marcuse dabei die Möglichkeit einer Gesellschaft des Eros freizulegen, in der die Phantasie nicht länger nur ein letztes Reservat des Lustprinzips ist, sondern für ein konkretes gesellschaftliches Handeln erneut ihr revolutionäres Potential entfaltet. Nicht zuletzt auf Grund dieser Forderung avancierte Marcuse zum Denker der Studentenrevolution der 60er Jahre. Der französische Philosoph Jacques Derrida beschreibt zudem im zweiten Teil von De la grammatologie (1967) die Kultur als eine eigentümliche Ausschließung dessen, was sie als eine Praxis der schriftliche Überlieferung erst hat möglich werden lassen: als eine Ausschließung der Gewalt des Buchstabens, der in seinen unvorhersehbaren Effekten auf die Geschichte nicht zu bändigen ist. Dass Derrida die Geste dieses Ausschlusses als eine Ökonomie der Herrschaft und die Effekte der Schrift im Zusammenhang der verstreuten Orte der Sexualität beschreibt, lässt sich auch als ein folgenreicher Kommentar zu Freuds kulturtheoretischen Schriften lesen. Zur Vorbereitung auf das Seminar empfehlen wir die Lektüre von Freuds Das Unbehagen in der Kultur. ECTS-Punkte: Hauptfach: BA: 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Nebenfach: SLK:3 ECTS (keine Hausarbeit, benotet) 6 ECTS (mit Hausarbeit, benotet) Department I - Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache Erfolgreich absolvierter Einführungskurs der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft oder Einführungskurs einer anderen Philologie. B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). ODER Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.14/16/18/20). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. LMU München WiSe 1415 Horst Johanna Charlotte