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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Gesellschaftliche Konflikte bei der Umsetzung von Naturschutzkonzepten und Kategorien in Amazonien Eine kritische Auseinandersetzung mit der Naturschutzpolitik staatlicher Institutionen und Nichtregierungsorganisationen NROs

Im Zuge der globalen Umwelt- und Klimadiskussion hat in den letzten Jahren die Thematik der Ausweisung und Bewirtschaftung von Naturschutzgebieten weltweit an Bedeutung gewonnen. Die Landnutzungskarte des peruanischen Amazonastieflandes wurde in den letzten 20 Jahren durch zwei politische Interessensgruppen stark...

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Im Zuge der globalen Umwelt- und Klimadiskussion hat in den letzten Jahren die Thematik der Ausweisung und Bewirtschaftung von Naturschutzgebieten weltweit an Bedeutung gewonnen. Die Landnutzungskarte des peruanischen Amazonastieflandes wurde in den letzten 20 Jahren durch zwei politische Interessensgruppen stark beeinflusst: Naturschutzorganisationen, allgemein als “conservacionistas” bekannt, und indigene Organisationen. Die Ersteren streben die Ausweisung staatlicher und privater Naturschutzgebiete an, um repräsentative Ökosysteme in ihrer Biodiversität zu bewahren. Sie sehen in der Schaffung von Naturschutzgebieten mit möglichst ausschließender Ressourcennutzung die wichtigste Strategie zur Bewahrung der Biodiversität. Dieses Naturschutzkonzept basiert auf zwei Postulaten: einmal soll die Natur in ihrer Ursprünglichkeit geschützt werden, und zweitens sollen die Menschen die Natur erforschen und konsumieren können (hier wird die ästhetische Komponente angesprochen), freilich ohne ihre Ursprünglichkeit zu verändern. Die indigenen Organisationen streben die Demarkierung von Landrechten und die zumindest teilweise Rekonstruierung der durch historische Verdrängungsprozesse verloren gegangenen indigenen Territorien und ihre selbstbestimmte Bewirtschaftung an. Verlierer in diesem Prozess sind die nicht indigenen traditionellen Bevölkerungsgruppen wie “ribereños“, die bisher kaum über (individuelle) Landrechte verfügen. Es wird zunächst – abgrenzend von anderen Konzepten - vom einen gesellschaftlich bestimmten Naturbegriff ausgegangen, nach dem Natur auf drei Ebenen zugleich konstruiert wird: kognitiv, indem Naturbilder aus dem gesellschaftlichen Umgang entstehen und dadurch immer auch anders möglich wären, normativ, indem zugleich ethische Implikationen, Verhaltensstandards, etc. mitkonstruiert werden und symbolisch, indem über verschiedene Konsumgewohnheiten auch Sinn produziert wird. Die indigenen Vorstellungen von Natur stehen im krassen Gegensatz zum westlichen Konzepten wie Nationalpark, das eine Gegenwelt zum Menschen, einen eigengesetzlichen, abgeschlossenen Bereich konstruiert, der zur Einflusssphäre des Menschen in Opposition steht und vor ihm geschützt werden muss. An Beispielen, die zum Teil auf eigenen Forschungsarbeiten beruhen, wird dargestellt, dass für die indigenen Völker Natur integrierter Bestandteil ihres Lebenszusammenhanges ist. Anschliessend wird auf die bei Soziologen und Anthropologen wenig beachtete Diskussion zur Ausgrenzung bzw. Einbeziehung indigener und anderer gesellschaftlichen Gruppen in globale Naturschutzkonzepte in US-amerikanischen Fachzeitschriften wie Conservation Biology eingegangen, die sich auch in der Politik grosser Naturschutzorganisation der letzten 20 Jahre widerspiegelt. Die “parc-centric“ –Vertreter argumentieren u.a., dass indigene Völker gerade durch ihre angepasste Technologie einen hohen Nutzungsgrad erreichen, der zu nicht tolerierbaren Eingriffen in die Biodiversität von Schutzgebieten führt. Zudem bergen die nicht aufzuhaltende Akkulturierung und die “threats of commercialization” unkalkulierbare Risiken wie den Verlust von “traditional conservation ethic”. Während “parc-centric”-Vertreter mit im wesentlichen biologisch fundierten Argumenten die Ausweisung von Schutzgebieten begründen und auf die Verantwortung einer staatlichen Behörde für Schutz- und Kontrollmechanismen Wert legen, sehen andere “conservacionistas” zum Beispiel im Co-Management von Schutzgebieten, dezentralisierten Schutzstrukturen und der Aufwertung von “small conservation” wichtige Arbeitsgrundlagen. Aus dieser Perspektive heraus sehen sie in indigenen Völkern und anderen gesellschaftlichen Gruppen wichtige Partner und auch kongruierende Interessenskonstellationen. FB 05 Gesellschaftswissenschaften Uni Kassel WS 2006/2007 Soziologie Dr. Rummenhöller Klaus