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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Grammatik GS 1.2 Modulzuordnung L1 M2 L2 M2 M4 L3 M3 GS 1.2

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass sich aus der Beschäftigung mit Grammatik nur ein deklaratorisches Wissen entwickelt, das es den Betroffenen lediglich ermöglicht, Satzbaumuster, Satzglieder und Wortarten zu bestimmen und zu benennen. Diese Kunst der Identifizierung sprachlicher...

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Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass sich aus der Beschäftigung mit Grammatik nur ein deklaratorisches Wissen entwickelt, das es den Betroffenen lediglich ermöglicht, Satzbaumuster, Satzglieder und Wortarten zu bestimmen und zu benennen. Diese Kunst der Identifizierung sprachlicher Muster wird oft nur als eine Art zweckfreies Gehirnjogging angesehen, vergleichbar mit den algebraischen Umformungsprozeduren des Mathematikunterrichts. Tatsächlich bleibt der Grammatikunterricht in der Schule häufig auf der Ebene der Identifizierungsübungen stehen, die zudem an Sätzen durchexerziert werden, die Requisiten der Neuzeit aufnehmen, um ihre Belanglosigkeit zu verbergen: Schreibe die folgenden Sätze in dein Heft. Bestimme dabei mit Hilfe der Umstellprobe und der entsprechenden Fragen die Satzglieder Subjekt, Prädikat und Objekt. Verwende dabei farbige Unterstreichungen. Jan schenkt Marcus ein Computer-Spiel zum Geburtstag Er wünscht ihm alles Gute. … [Wort & Co. Sprachbuch für Gymnasien. Band 6 1999, S. ] Das Seminar will den Versuch unternehmen, gemeinsam mit den Studierenden ein Überblickswissen über Satzbaustrukturen und Wortartklassifikationen zu vermitteln und Probleme einer systematischen grammatischen Sprachbeschreibung zu thematisieren. Gleichzeitig sollen aber auch Perspektiven aufgezeigt werden, dieses Wissen als eine Art Denkwerkzeug zu nutzen, das die Sensibilität für Textwirkungen steigert. Harras braucht kein Telefon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muss, wenn geläutet wird, zum Telefon laufen, die Wünsche der Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen, vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten. [Franz. Kafka. Mein Geschäft…. In: Roger Hermes (Hsg.): Franz Kafka. Die Erzählungen. Frankfurt a.M. 2006, S.319] Wer seine Wahrnehmung für sprachliche Formen sensibilisiert hat, wird sehr schnell erkennen, dass der Erzähler einen übermächtigen „Harras-Mythos“ vor sich aufbaut, und zwar durch seine suggestiven Satzbaumuster: Die Sätze, die sich mit Harras beschäftigen, haben jeweils ein eigenes Subjekt, sie sind knapp, und weisen immer wieder dasselbe Baumuster auf (Subj + Präd. + Akk. Objekt). Das vermittelt den Eindruck einer Persönlichkeit die Präsenz und Durchsetzungsvermögen zeigt. Ganz andere Satzbaumuster werden aktiviert, wenn der Erzähler ausdrückt, wie er sich selbst sieht. Der eingeschobene Nebensatz und die Reihung subjektloser Ellipsen verleihen den Aktivitäten des Ich-Erzählers den Anschein von Verwirrung und Atemlosigkeit. Diese Form, sich selbst „kleinzureden“ könnte aus moderner Sicht als ein Konzept der „Selbstbehinderung“ angesehen werden. Christa Dürscheid. Syntax. Wiesbaden 200 Dudenredaktion (Hsg.): Die Grammatik. Mannheim 2005 Harald Weinrich. Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim 1993 FB 02 Institut für Germanistik Uni Kassel WS 2006/2007 Dr. Müller Christoph