Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Philosophie als Selbstfindung Boethius Dante Petrarca Bruno
Im Exil schreibt der bis dahin unbekannte Dante Alighieri (1265-1321) eine Reihe von Liebesgedichten, die er mit einem philosophischen Kommentar versieht. Das Unternehmen erscheint ungeheuerlich: Während im Mittelalter nur herausragende Autoritäten der Vergangenheit kommentiert werden, kommentiert Dante sich selbst. Dantes...
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Jetzt Lernplan erstellenIm Exil schreibt der bis dahin unbekannte Dante Alighieri (1265-1321) eine Reihe von Liebesgedichten, die er mit einem philosophischen Kommentar versieht. Das Unternehmen erscheint ungeheuerlich: Während im Mittelalter nur herausragende Autoritäten der Vergangenheit kommentiert werden, kommentiert Dante sich selbst. Dantes Bekehrung zur Philosophie vollzieht sich nach seinem großen spätantiken Vorbild Boethius (ca. 480-524), der Selbstvergewisserung und Philosophie in exemplarischer Weise verknüpft. Auch der frühe Humanist Francesca Petrarca (1304-1374) ringt mit der Frage der Bedeutung der Philosophie im eigenen Leben, die für ihn im Dienst individueller Selbstbestimmung stehen muss. Der Renaissancephilosoph Giordano Bruno (1548-1600) kombiniert antike Motive mit der von Dante und Petrarca begründeten Tradition. Wesentlich ist für ihn die seelische Berührung mit dem Göttlichen, in der sich Mensch seiner Natur allererst bewusst wird. Alle vier Denker sind vom Problem der Selbstfindung bewegt, das nicht nur einen Einblick in ihre philosophische Reflexion, sondern auch in die damit verbundene Gefühlswelt gibt. Mit diesen beiden Momenten ist ein -Prozess der Selbstfindung- angestoßen, der sich weniger als -fertige Philosophie-, denn als -Suche nach Philosophie- darstellt. Bezeichnenderweise artikuliert sich der Einblick in die eigene Innenwelt bei jedem der vier Genannten in einer Mischform aus Philosophie und Dichtung. Die Gattung des philosophisch-literarischen Selbstkommentars wird somit zu einem spezifischen Ausdrucksmittel in der Entwicklung neuzeitlicher Subjektivität.
Das Seminar versucht, das Phänomen dieser Entwicklung auf der Grundlage ausgewählter Texte nachzuvollziehen.
Textgrundlagen:
Boethius, Trost der Philosophie, lat.-dt. hrsg. von O. Gigon, Düsseldorf, Zürich 6 2002; Dante Alighieri, Das Gastmahl, ital.- dt, übers. von Th, Ricklin, eingel. und kommentiert von F. Cheneval, phil. Bibliothek (Meiner) Bde. 466a-c, Hamburg 1996-1998; Francesco Petrarca, Secretum meum – Mein Geheimnis, lat.-dt., hg., übers. und mit einem Nachwort von G. Regen und B. Huss, excerpta classica XXI, Mainz 2004. G. Bruno, Von den heroischen Leidenschaften, übers. und hg. von Ch. Bacmeister, eingel. von F. Fellmann, phil. Bibliothek (Meiner) Bd. 398, Hamburg 1989. Weitere Angaben in der Vorbesprechung.
FB 02 Institut für Philosophie
Uni Kassel
WiSe 2014/15
Lehrveranstaltungspool FB 02
Dr.
Bönker Vallon Angelika