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Uni-Düsseldorf
14. März 2017

Seminar Sorgedenken und Chordenken

In seinen späten Vorlesungen, die erst in den letzten Jahren nach und nach erschienen sind, hat Michel Foucault sich verschiedenen Traditionen und Techniken der antiken -Selbstsorge- gewidmet. Dabei hat er die Geschichte einer -Sorgekultur- skizziert, die eine historisch weit zurückreichende,...

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In seinen späten Vorlesungen, die erst in den letzten Jahren nach und nach erschienen sind, hat Michel Foucault sich verschiedenen Traditionen und Techniken der antiken -Selbstsorge- gewidmet. Dabei hat er die Geschichte einer -Sorgekultur- skizziert, die eine historisch weit zurückreichende, später zwischen den übermächtigen Traditionen von Platonismus und Christentum abgerissene Position bildete. Bisweilen hat man Foucault mit diesem letzten (unabgeschlossenen) Projekt einen -Rückzug ins Private- oder eine dandyeske Kultivierung des Selbst unterstellt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Denn bei näherem Hinsehen gelten die von ihm analysierten Sorgetechniken keinem narzisstischen Ego, sondern der Bezugnahme auf ein unendliches, unendlich differenziertes -Außen-, in das jedes -Selbst- ursprünglich eingefaltet ist. Sorge richtet sich, mit anderen Worten, auf eine Dimension von Subjektivität, die auf die Einbettung des Einzelwesens in vorgängige, unabsehbar verzweigte und darum auch nicht genealogisch, disziplinär oder allgemein -symbolisch- gebundene Zusammenhänge verweist. Das Seminar möchte sich Foucaults Sorge unter einem speziellen theatertheoretischen Blickwinkel nähern. Arbeitsthese ist die Überlegung, dass sich in den von Foucault porträtierten -Sorgeschulen- (Stoiker, Epikuräer, Kyniker, aber auch ein bestimmter Sokrates) ein Wissen neu und in anderer Form artikuliert, das im antiken Theater vor Euripides in der Chorfigur als dem -zweiten Körper des Theaters- (Ulrike Haß) zu Tage trat. Denn tatsächlich weist der Chor in zahlreichen der erhaltenen Sücke Züge eines -transzendentalen Werdensgrundes- auf, eines gleichzeitig erstaunlich flüchtigen wie dauerhaften -Schon-da-, ohne das auch die episodischen Auftritte der Protagonisten überhaupt nicht denkbar wären. Die eigentümlichen Bemühungen der Sorgeschulen sollen also als eine -Neuentdeckung- des Chores und seines Wissens an anderem Ort begriffen werden. In diesem Horizont wird das Seminar sich auf der einen Seite mit ausgewählten antiken Materialien (etwa Lukrez' Atomismus oder Sencas Kosmosdenken) und Stücken beschäftigen. Auf der anderen Seite soll aber auch gefragt werden, inwiefern das Sorgethema auf Gegenwartsprobleme verweist, die mit einer heute immer spürbar werdenden Krise der Einschließungs- und Disziplinarmilieus älteren Typs zusammenhängt und denen das Gegenwartstheater nicht zuletzt mit einem neu erwachten Interesse für umweltliche Fragen zu begegnen scheint. Institut für Medien- und Kulturwissenschaft Universität Düsseldorf SoSe 2016 Dr. Kirsch Sebastian