Uni-Düsseldorf
14. März 2017Seminar Theorien der Lebenswelt und ihre praktische Anwendung
Theorie im allgemeinen und insbesondere Philosophie wird oft als praxisfernes Glasperlenspiel entrückter Geister kritisiert. Diese Karrikatur
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenTheorie im allgemeinen und insbesondere Philosophie wird oft als praxisfernes Glasperlenspiel entrückter Geister kritisiert. Diese Karrikatur 'der' Philosophie greift allerdings zu kurz, denn sie übersieht, dass Praxisferne oder Praxisbezug immer auch ein Thema philosophischer Selbstreflexion und Selbstkritik war.
Jede wissenschaftliche Erkenntnis, so spezialisiert und komplex sie sein mag, muss einen Bezug zu vorwissenschaftlicher Selbstverständlichkeit haben, um plausibel sein zu können. Auch die abstrakteste Theorie stützt sich auf Muster lebensweltlicher Evidenz. Das ist der Grundgedanke von Edmund Husserls philosophischer Lebenswelt-Theorie, mit der auch die Kritik verbunden ist, dass moderne Naturwissenschaft und Technik sich durch ein falsches Selbstverständnis der Alltagswelt entfremden. Diese Kritik könnte heute z.B. auf die scheinbare Objektivität bildgebender Verfahren in der Hirnforschung oder der Nutzerdaten in der digitalen Datenverarbeitung übertragen werden. Alfred Schütz entwickelte mit dem Lebenswelt-Konzept eine verstehende Soziologie, Berger und Luckmann eine Wissenssoziologie, und Jürgen Habermas stützt darauf seine kritische Gesellschaftstheorie. Im Bereich der Bildungsarbeit und der Sozialen Arbeit kennzeichnet der lebensweltorientierte Ansatz den Anspruch, die Erfahrungen der Klienten in den Mittelpunkt zu stellen. Insofern thematisiert das philosophische Konzept der Lebenswelt nicht nur das Verhältnis von Theorie und Praxis, sondern ist selbst auch ein Beispiel für die Praxisrelevanz von Theorien.
Das Seminar wird in Kooperation mit Prof. Dr. Ruth Enggruber und Prof. Dr. H.-E. Schiller vom Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf (früher Fachhochschule) durchgeführt, die in ihren Arbeitsbereichen auch jeweils ein Seminar zum Thema 'Lebenswelt' anbieten. Die Kooperations-Veranstaltung setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: den nach Fächern getrennt stattfindenden wöchentlichen Seminarsitzungen zur grundlegenden Lektüre; drei gemeinsamen Veranstaltungen (am 15.11., 29.11., 13.12.) im Haus der Universität mit Vorträgen der DozentInnen; und schließlich einer gemeinsamen ganztägigen Blockveranstaltung (Samstag 21.1.) am neuen Campus in Derendorf. Mit der Blockveranstaltung endet das Seminar drei Wochen vor dem offiziellen Ende der Vorlesungszeit.
Die AP kann mit einer Hausarbeit oder mündlichen Prüfung abgeschlossen werden. Voraussetzung dafür ist eine mündliche Präsentation bei der Blockveranstaltung oder in einer der vorherigen Seminarsitzungen.
Thomas Rolf: Artikel 'Lebenswelt' in: Enzyklopädie Philosophie, Felix Meiner Verlag.
Edmund Husserl: Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie, in: Ders., Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Philosophie, Gesammelte Werke Bd. VI (Hg. von W. Biemel), Haag 1954, S. 314-348.
Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Kap. 1: Die Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt. Frankfurt am Main 1980.
Jürgen Habermas: Handlungen, Sprechakte, sprachlich vermittelte Interaktionen und Lebenswelt, in: Ders., Nachmetaphysisches Denken. Philosphische Aufsätze. Frankfurt am Main 1988, S. 63-104.
Hans Thiersch, Klaus Grunwald, Stefan Köngeter: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, in: Werner Thole (Hg.), Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Opladen 2002, S. 161-178.
Philosophie (Master, PO 2013)
Universität Düsseldorf
WiSe 2016/17
Univ.-Prof. Dr.
Dietz Simone Claudia