Uni-Essen
14. März 2017Seminar Übung Realismustheorien Ein alt neues Problem der Literaturwissenschaft
Was das Label ›Realismus‹ angeht, herrscht auf dem Terrain der Literatur Gedrängel. So ist selbst für kaum miteinander vergleichbare Texte und Autoren der Gegenwartsliteratur von ›realistischem Schreiben‹ die Rede, und zwar in Form von mal identischen, mal aber auch wieder...
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Jetzt Lernplan erstellenWas das Label ›Realismus‹ angeht, herrscht auf dem Terrain der Literatur Gedrängel. So ist selbst für kaum miteinander vergleichbare Texte und Autoren der Gegenwartsliteratur von ›realistischem Schreiben‹ die Rede, und zwar in Form von mal identischen, mal aber auch wieder ganz unterschiedlichen poetologischen Selbst- und Fremdbeschreibungen. Von Uwe Timms frühen Romanen etwa wird als politisch-utopischem Realismus gesprochen, von Martin Walsers Texten gar nebeneinander von politischem, psycho-logischem, ironischem sowie einem Realismus der Hoffnung. Als nicht minder realistisch gilt Peter Härtlings problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur und selbst der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre erklärte sich vor einiger Zeit zum realistischen Autor, da Pop nichts anderes sei als »ein Abbild der Realität von Kultur hierzulande«. Offensichtlich haben wir es bei Realismus also mit einem – wie Roman Jakobson formuliert hat – »unendlich dehnbaren Sack« zu tun, »in dem man alles, was man will, verstauen kann«. Anders formuliert: Auch wenn die aktuelle Gegenwartsliteratur immer wieder als ›realistisch‹ wahrgenommen und auch von den Verlagen so etikettiert wird, ist es anscheinend doch schwierig zu sagen, worin ihr spezifisch ›realistischer‹ Zug eigentlich jeweils besteht bzw. auf welche Weise welche Texte welche Realismuseffekte hervorbringen. Das Einzige, was schnell deutlich wird, ist lediglich die Einsicht, dass ein bloßes ›Hochrechnen‹ der Realismuskonzepte des 19. Jahrhunderts als Zugriff auf die realistischen Texte der Gegenwartsliteratur nicht ausreicht. Das wird nicht zuletzt auch da deutlich, wo das als ›realistisch‹ wahrgenommene Erzählen gebrochen wird (so unter anderem bei Christian Kracht oder W. G. Sebald), sodass entsprechende Zusätze auch in den Beschreibungsformeln nötig werden: mystischer Realismus, magischer Realismus, metaphysischer Realismus, neuer Realismus usw. Vor diesem Hintergrund müssen neue Analysekonzepte für die in anderer Art und Weise ›realistischen‹ Texte der aktuellsten Literatur entwickelt und erprobt werden. Besprochen werden sollen u.a. folgende Fragen: Welche ›Realismen‹ sind sinnvoller Weise trotz der gemeinsamen Bezeichnung an der Oberfläche in ihrer Struktur doch voneinander zu unterscheiden? • Welche theoretisch-methodischen Zugriffe sind geeignet, um auf diese neuen Formen realistischen Schreibens analytisch zuzugreifen? Welche Realismuseffekte evozieren konkrete Texte?
Zur ersten Lektüre empfohlen: Rolf Parr: Raabes Effekte des Realen. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft, Jg. 52 (2011), S. 21–38. Jürgen Link: ›Wiederkehr des Realismus‹ – aber welches? Mit besonderem Bezug auf Jonathan Littell. In: kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie, Nr. 54 (September 2008), S. 6–21.
Germanistik
Universität Duisburg-Essen
SoSe 2014
Professor
Parr Rolf