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Uni-München
14. März 2017

Seminar und Lektürekurs Vertrauen Blockseminar

Vertrauen ist ein Phänomen, das auf verschiedene Weisen unseren sozialen Alltag prägt. Wir vertrauen darauf, dass die Ärztinnen, die wir besuchen, uns die richtigen Medikamente verschreiben, dass die Lehrer, in deren Obhut wir unsere Kinder geben, sachkundig und einfühlsam unterrichten,...

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Vertrauen ist ein Phänomen, das auf verschiedene Weisen unseren sozialen Alltag prägt. Wir vertrauen darauf, dass die Ärztinnen, die wir besuchen, uns die richtigen Medikamente verschreiben, dass die Lehrer, in deren Obhut wir unsere Kinder geben, sachkundig und einfühlsam unterrichten, dass die Bäckerinnen, bei denen wir einkaufen, keine Brötchen vergiften oder dass Busfahrer keine Risiken bei der Beförderung ihrer Passagiere eingehen. Manche würden sogar sagen, dass sie völlig fremden Personen vertrauen können, etwa in der Situation, in der sie ihr Gepäck unbeaufsichtigt im Zugabteil liegen lassen oder in dem Fall, in dem sie einer bestimmten Politikerin ihre Stimme geben und darauf bauen, dass ein bestimmtes Wahlversprechen eingehalten wird. Daneben charakterisiert Vertrauen die wichtigsten Beziehungen, in denen wir zu unseren Freunden, Lebenspartnern und Familienmitgliedern stehen. Von einer Person, die behauptet, mit einer bestimmten anderen Person befreundet zu sein, ihr aber in keiner Hinsicht zu vertrauen, würden wir urteilen, dass sie den Begriff des Vertrauens oder den Begriff der Freundschaft nicht versteht. Dass wir auf diese Weisen ganz verschiedenen Personen vertrauen können, macht unser Leben in entscheidender Hinsicht reicher, aber auch leichter, weil wir in sehr unterschiedlichen Kontexten auf zeit- und energieaufwendige Massnahmen der Kontrolle und Überwachung verzichten können. Würden wir gar nicht vertrauen, würde unser Leben sehr mühevoll ausfallen, und es ist gar nicht klar, ob wir unter diesen Voraussetzung überhaupt in der Lage wären, all die Pläne und Projekte zu verwirklichen, von denen wir denken, dass sie uns als Personen ausmachen. Gleichzeitig geht mit Vertrauen immer auch das Risiko einher, dass wir von den Personen, in denen wir Vertrauen setzen, enttäuscht werden. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung zu wissen, unter welchen Bedingungen unser Vertrauen als angemessen ausgezeichnet werden kann oder, anders formuliert, was Gründe für Vertrauen sind. Diese Frage hängt wiederum davon ab, um was für ein Phänomen es sich bei Vertrauen überhaupt handelt. Ist es eine Form des Überzeugtseins oder eher ein affektiver Zustand? Können wir uns ohne Rücksicht auf das potentielle Vertrauensobjekt dazu entschliessen, einer anderen Person vertrauen oder müssen wir etwas von dieser Person wissen? Solche Fragen stehen im Fokus der philosophischen Debatte, die sich mit dem Begriff des Vertrauens beschäftigt. Das Ziel des Blockseminars wird zum einen darin bestehen, die verschiedenen Positionen, die im Hinblick auf die Fragen nach dem Wesen und der Rechtfertigung von Vertrauen vorgeschlagen wurden, zu rekonstruieren und kritisch zu evaluieren. Die ersten sechs Sitzungen des Blockseminars werden sich entsprechend mit jeweils einer wichtigen Aufsatzpublikation beschäftigen, in der eine bestimmte Vertrauenstheorie vorgeschlagen wird. In einem zweiten Schritt werden wir uns drei ausgewählten Kontexten zuwenden, in denen der Begriff des Vertrauens eine wichtige Rolle spielt: Der epistemologisch gelagerten Frage nach dem Status der Überzeugungen, die wir erwerben, wenn wir glauben, was eine andere Person uns sagt; dem Spezialfall der Übernahme von moralischem Wissen; sowie der für Kontexte der politischen Philosophie wichtigen Frage nach der Bedeutung von Vertrauen für repräsentative Demokratien. Für jeden dieser drei Themenkomplexe werden zwei Texte zugrunde gelegt, die jeweils in einer Sitzung diskutiert werden. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Blockseminars sollen auf diese Weise einen repräsentativen Überblick über die philosophische Herangehensweise an das Phänomen des Vertrauens gewinnen und dazu befähigt werden, auf eigene kritische Weise auf den Vertrauensbegriff und die mit ihm zusammenhängenden philosophischen Probleme zu reflektieren. Jede Sitzung wird hierzu in einem Zweischritt von kritischer Rekonstruktion des zugrunde gelegten Textes und der Diskussion der Frage, wie plausibel die jeweils vorgschlagene Position ist, bestehen. Vertrauen ist ein zentraler Begriff unseres sozialen Alltags, und obwohl die Philosophie in den letzten Jahren diesem Begriff vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt hat, bestehen in der Debatte immer noch zahlreiche Forschungslücken. Ein Nebeneffekt, den der Besuch des Blockseminars haben soll, besteht darin, Studierenden die Perspektive einer eigenständigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema des Vertrauens zu eröffnen. Blockseminar Vertrauen – Sitzungsplan I Theorien des Vertrauens Montag, 13.02.2016 10:15 – 11:45 Uhr Einführung Montag, 13.02.2016 14:15 – 15:45 Uhr 01 Annette Baier (1986): ‘Trust and Antitrust’. In: Baier: Annette: Moral Prejudices. Essays on Ethics. Harvard University Press, 1994: 95-129. [Urspr.: Ethics (1986)] Montag, 13.02.2016 16:15 – 17:45 Uhr 02 Karen Jones (1996): ‘Trust as an Affective Attitude’. In: Ethics, Vol. 107, No. 1 (1996): 4-25. Dienstag, 14.02.2016 8:15 – 9:45 Uhr 03 Richard Holton (1994): ‘Deciding to trust, coming to believe’. In: Australasian Journal of Philosophy, Vol. 72, No.1 (1994): 63-76. Dienstag, 14.02.2016 10:15 – 11:45 Uhr 04 Pamela Hieronymi (2008): ‘The Reasons of Trust’. In: Australasian Journal of Philosophy, Vol. 86, No. 2 (2008): 213-236. Dienstag, 14.02.2016 14:15 – 15:45 Uhr 05 Katherine Hawley (2012): ‘Trust, Distrust, and Commitment’. In: Noûs, 00:0 (2012): 1-20. Dienstag, 14.02.2016 16:15 – 17:45 Uhr 06 Karen Jones (2012): ‘Trustworthiness’. In: Ethics, Vol. 123, No. 1 (2012): 61-85. II Vertrauen im Kontext Mittwoch, 15.02.2016 10:15 – 11:45 Uhr 07 Paul Faulkner (2007): ‘On Telling and Trusting’. In: Mind, Vol. 116 (2007): 875-902. Mittwoch, 15.02.2016 14:15 – 15:45 Uhr 08 John Hardwig (1991): ‘The Role of Trust in Knowledge’. In: The Journal of Philosophy, Vol. 88, No. 12 (1991): 693-708. Mittwoch, 15.02.2016 16:15 – 17:45 Uhr 09 Karen Jones (1999): ‘Second-Hand Moral Knowledge’. In: The Journal of Philosophy, Vol. 96, No. 2 (1999): 55-78. Donnerstag, 16.02.2016 10:15 – 11:45 Uhr 10 David Enoch (2014): ‘A Defense of Moral Deference’. In: The Journal of Philosophy, Vol. 111, No. 5 (2014): 229-258. Donnerstag, 16.02.2016 14:15 – 15:45 Uhr 11 Russell Hardin (1999): ‘Do we want trust in government?’. In: Warren, Mark E. (ed.): Democracy and Trust. Cambridge University Press, 1999: 22-41. Donnerstag, 16.02.2016 16:15 – 17:45 Uhr 12 Patti Tamara Lenard (2012): Trust, Democracy, and Multicultural Challenges, Pennsylvania State University Press, 2012 Ch. 5 & 7. Voraussetzungen Neben der gründlichen Vorbereitung der Texte für die jeweiligen Sitzungen sollten die Studierenden die Bereitschaft mitbringen, eine aktive Rolle bei der kritischen Rekonstruktion von philosophischen Positionen und Argumenten zu spielen. Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft Neben der gründlichen Vorbereitung der Texte für die jeweiligen Sitzungen sollten die Studierenden die Bereitschaft mitbringen, eine aktive Rolle bei der kritischen Rekonstruktion von philosophischen Positionen und Argumenten zu spielen. Hausarbeit bzw. Essay. - Ewartet werden überdies die regelmässige und aktive Teilnahme sowie die Mitarbeit an einer Referatsgruppe (inkl. Handout). LMU München WiSe 1617 Dr. Budnik Christian